Skeptische Ökonomie im Jahr 2020

Alle Jahre wieder… Zum vierten Mal in Folge gibt es hier einen kleinen Blog-Jahresrückblick (2017, 2018, 2019 findet man jeweils dort). Außer ein paar Statistiken auch eine subjektive Auswahl wissenschaftlicher Highlights des Jahres.

2020 passierte dies und das. Global war und ist da die COVID-19-Pandemie, obwohl meine Wenigkeit bisher das Glück hatte, von ihr weitgehend verschont zu bleiben (bis auf einmal Quarantäne, seit Mitte März nur 12 Besuche im Büro, lauter Online-Konferenzen, -Workshops, -Meetings, sogar eine Online-Projektevaluierung und zahlreiche Online-Kaffeepausen), und auf den Blog hatte sie sowieso keinen nennenswerten Einfluss (bis auf einen einzigen Text über Chancengleichheit in der Wissenschaft). Unabhängig von der Pandemie bekam der Blog einen Facelift verpasst und wurde gleich im Zuge dessen mit meiner persönlichen Homepage „fusioniert“, wodurch er auch im zweiten Jahr in Folge eine neue Domain erhielt. Im September feierte ich 10 Jahre Blogschreiberei.

Statistisch sah das Jahr OK aus: 24 Beiträge (+50% gegenüber 2019, nahezu Gleichstand mit 2018), ca. 14 Tausend Aufrufe (+ca. 5% gegenüber 2019). Der Trend-Vergleich mit Likes und vor allem Kommentaren macht mich etwas stutzig, aber zumindest bei Letzteren rede ich mir ein, dass die Diskussionen sich einfach ins Twitter-Universum verlegt haben:

Wie üblich möchte ich an dieser Stelle die meistgelesenen Beiträge des Jahres herausstellen. Zunächst die Top 5 der 2020 geschriebenen Texte:

  1. Umwelt- und Ressourcenökonomische Lehrstühle in Deutschland
  2. Die Ackerbaustrategie 2035: sinnvolle Ziele, wenig Umsetzungsideen
  3. Geht die Welt unter oder geht es uns so gut wie noch nie zuvor?
  4. Was an Leopoldina-Stellungnahmen problematisch ist
  5. Wer trägt die Verantwortung für die negativen Umweltwirkungen der Landwirtschaft?

Die populärsten „Dauerbrenner“ waren hingegen die üblichen Verdächtigen:

  1. Warum es OK ist, Sci-Hub zu nutzen (obwohl es illegal ist)
  2. Logische Konsistenz, moralische Intuition und das Trolley-Problem
  3. Was macht einen guten Wissenschaftler aus? (immerhin ein Neuling gegenüber den Top 3 in 2018 und 2019)

Skeptische Ökonomie hat den Anspruch, neben Meinung-hinausposaunen-in-die-Welt auch ein bisschen Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Über meine eigene Arbeit habe ich hier 2020 nur einmal berichtet, über Interdisziplinarität in der Nachhaltigkeitsforschung (eine tolle Kollaboration mit einem meiner Lieblings-Ko-Autor*innen), obwohl die Gedanken aus zwei weiteren Texten zum Thema Fairness und Effizienz von Agrarumweltzahlungen (Text 1; Text 2) in eine kleine Replik eingeflossen sind, die sich derzeit in Begutachtung befindet. Eigentlich ist aber viel mehr passiert, worüber ich dann meist bei Twitter berichtet habe. So sind dieses Jahr zwei meiner wichtigsten und (subjektive Einschätzung) besten Publikationen erschienen, zu denen es jeweils einen Twitter-Thread gibt:

…sowie…

Über die (wie ich finde) interessante Entstehungsgeschichte der zweiten Publikation habe ich übrigens hier geschrieben – hätte ich auf dem Weg zu einem Workshop in Uppsala nicht auf den Hinflug verzichtet, dann hätte ich keinen Zwischenstopp bei Nils in Lund gemacht, wodurch ich nicht 3 Stunden mit ihm, Mark und William hätte diskutieren können. Bei dieser offenen Diskussion ist uns aber die Idee für den gerade erschienen Artikel gekommen. Außerdem ist der Artikel ein schönes Beispiel dafür, wofür Preprints (bei aller berechtigten Skepsis) gut sein können – nämlich dazu, dass man große Wissenschaftsverlage daran hindert, sich im Zuge der Veröffentlichung die Rechte für tolle Abbildungen (in diesem Fall eine von William Sidemo Holm entworfene) anzueignen.

Was ich übrigens 2020 sehr geschätzt habe, waren die vielen Twitter-Diskussionen mit Landwirt*innen – ich bilde mir ein, dass beide Seiten dabei dazu lernen. Ich tue es definitiv – ohne Twitter wäre mein Verständnis der Landwirtschaft viel weniger fortgeschritten (wobei es sich immer noch manchmal sehr beschränkt anfühlt). Gerade im Zuge der aktuellen Debatten über die immer noch nicht endgültig beschlossene Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik gab es viel zu diskutieren, zumal die GAP immer noch nicht wirklich mit dem European Green Deal kompatibel ist (zum Thema GAP-Reform findet man auf den Blogs von Sebastian Lakner und Alan Matthews gut informierte Einblicke). Und da wir schon bei europäischer Agrarpolitik und empfehlenswerten Blogs sind – von der Schweiz kann man da einiges lernen, z. B. durch die Lektüre des hervorragenden Agrarpolitik-Blogs von Robert Finger und Kolleg*innen.

Womit wir auch beim letzten Punkt des diesjährigen Rückblicks wären, nämlich einer sehr subjektiven Auswahl besonders lesenswerter wissenschaftlicher Publikationen (Top 10), die dieses Jahr erschienen sind. Das Themenspektrum ist breit, für jede und jeden findet sich etwas:

  • Baur, When farmers are pulled in too many directions: comparing institutional drivers of food safety and environmental sustainability in California agriculture, Agriculture and Human Values [Link]: ein Thema, das eine Master-Studentin, eine Kollegin und mich gerade auch beschäftigt, nämlich wie groß der Handlungsraum von Landwirt*innen ist, umweltfreundlich zu wirtschaften.
  • Blackstock et al, Policy instruments for environmental public goods: Interdependencies and hybridity, Land Use Policy [Link]: ein spannender Blick auf die Interaktionen zwischen Instrumenten der Agrarumweltpolitik (am Beispiel Schottlands).
  • Böcker et al, An economic and environmental assessment of a glyphosate ban for the example of maize production, European Review of Agricultural Economics [Link]: was würde passieren, wenn man Glyphosat verbieten würde? Nun, einiges, aber nicht unbedingt das, was viele denken.
  • Clapp & Ruder, Precision Technologies for Agriculture: Digital Farming, Gene-Edited Crops, and the Politics of Sustainability, Global Environmental Politics [Link]: sehr spannender, politikwissenschaftlicher Blick auf Technologien und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft.
  • Herfeld, The Diversity of Rational Choice Theory: A Review Note, Topoi [Link]: großartige kritische Analyse der Reichhaltigkeit und Vielfalt innerhalb der sog. „Rational Choice Theory“ (die mitnichten der Monolith ist, den viele Kritiker*innen suggerieren).
  • Loft et al, Fair payments for effective environmental conservation, PNAS [Link]: eine sehr schöne ökonomisch-experimentelle Studie zum Thema Fairness in Zahlungsprogrammen für Naturschutz.
  • Schaub et al, Tracking societal concerns on pesticides – a Google Trends analysis, Environmental Research Letters [Link]: eine sehr coole, innovative Methode zur Analyse von Stimmungen in der Gesellschaft.
  • Schröder et al, Multi-Functional Land Use Is Not Self-Evident for European Farmers: A Critical Review, Frontiers in Environmental Science [Link]: für jemanden, der wie ich landwirtschaftliche Böden sehr spannend und Zielkonflikte besonders interessant findet, eine Pflichtlektüre.
  • Seppelt et al, Deciphering the Biodiversity–Production Mutualism in the Global Food Security Debate, Trends in Ecology and Evolution [Link]: UFZ-Kollegen erfrischend zum komplexen Zusammenhang zwischen Biodiversität und landwirtschaftlicher Produktion.
  • Wuepper et al, Is small family farming more environmentally sustainable? Evidence from a spatial regression discontinuity design in Germany, Land Use Policy [Link]: small is beautiful? Wenn’s so einfach wäre.

In diesem Sinne: auf dass 2021 wieder normaler wird.

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