Die Wissenschaft in Zeiten der Corona

Eigentlich wollte ich mich aus den aktuellen COVID19-Debatten weitgehend heraushalten. Aber ich nehme in der Wissenschaft zwei mit der Pandemie zusammenhängende, besorgniserregende Trends wahr, die ich kurz kommentieren möchte.

Trend 1: jede*r scheint etwas zu COVID19 beizutragen zu haben, auch wenn der eigene Forschungsbereich nur lose mit der Pandemie zusammenhängt. Die Ursachen dafür sind nach meiner Wahrnehmung unterschiedlich. Teilweise, gerade in meiner „Filterblase“ (Nachhaltigkeitsforschung), scheint die Ursache darin zu liegen, dass die hier aktiven Wissenschaftler*innen mit ihrer Forschung etwas Gutes für die Gesellschaft tun wollen. Die aktuelle Krise bedarf in ihrer Disruptivität und der mit ihr zusammenhängenden Unsicherheit nach Antworten, Lösungsansätzen etc. Also sucht man krampfhaft nach Aspekten eigener Expertise, die für die COVID19-Krise relevant sein könnten. Eine verwandte Motivation dürfte in der (berechtigten) Befürchtung liegen, der eigene Forschungsbereich (z. B. Klimawandel, Biodiversitätsrückgang) und vor allem die Aufmerksamkeit für die mit ihm verbundenen gesellschaftlichen Probleme könnte angesichts der Pandemie „untergehen“ – eine Lösung könnte also sein, Verknüpfungen zwischen dem eigenen Thema und COVID19 zu identifizieren. Oder ggf. übers Knie zu brechen. Drittens gibt es eine vermutlich nicht kleine Gruppe von Wissenschaftler*innen, die rein opportunistisch handeln – die Pandemie erfährt eine riesige Aufmerksamkeit, mit der mittelfristig auch Forschungsmittel zusammenhängen dürften. Hier geht es also auch um das klassische „jumping on the bandwagon“. Unabhängig von der konkreten Motivation führt das Bedürfnis, etwas beizutragen dazu, die sowieso kaum überschaubare Flut von mehr oder weniger relevanten, mehr oder weniger gesicherten Informationen noch zu verschlimmern. Sehr umfassend beschreibt dies Ed Yong (neben vielen anderen Schwierigkeiten der Wissenschaft in Zeiten der Pandemie) in seinem großartigen Text Why the Coronavirus Is So Confusing bei The Atlantic. Es hilft dabei auch nicht unbedingt, dass viele Fachzeitschriften den Begutachtungsprozess für COVID19-Artikel beschleunigen (zusätzlicher Anreiz, so die eigene Publikationsliste aufzubessern) sowie sehr viele Erkenntnisse aus nachvollziehbaren Gründen bereits vor dem Peer-Review in Form von Preprints veröffentlicht werden (zu den bereits vor der Pandemie mit diesem Modell zusammenhängenden Bedenken s. Manu Saunders’ Blog-Beitrag). Gerade Sozialwissenschaftler*innen sollten sich wohl zweimal fragen, ob ihre Gedanken und Erkenntnisse wirklich robust genug und so relevant sind, dass sie bereits jetzt das Licht der Welt erblicken sollten. Natürlich sind sozialwissenschaftliche Erkenntnisse für die Bewältigung der Krise höchst relevant – auch diejenigen haben Recht, die bemängeln, dass die COVID19-Politikberatung „zu naturwissenschaftlich“ geprägt ist. Aber nicht jede (sozialwissenschaftliche) Erkenntnis ist jetzt sofort notwendig und relevant. Insofern stimme ich Greg Kaplan, einem der Herausgeber*innen des renommierten Quarterly Journal of Economics, zu, wenn er sich gegen die Publikation von (ökonomischen) COVID19-Studien in seinem Journal ausspricht:

Trend 2: auch wenn es noch früh ist und (s. Trend 1) entsprechende Analysen mit Vorsicht zu genießen sind, suggeriert sowohl anekdotische Evidenz aus meinem eigenen Umfeld (Twitter und „IRL“) als auch erste systematische Analysen (z. B. hier für ökonomische Working Papers oder hier auch für andere Disziplinen), dass COVID19 sich zu einem Problem für die Gender-Balance in der akademischen Welt entwickelt. Gesundheitspolitisch zweifellos notwendige und sinnvolle Maßnahmen wie Kita- und Schulschließungen führen dazu, dass das Home Office für viele, gerade jüngere Wissenschaftler*innen zu einer Herausforderung wurde. Angesichts dessen, dass wir trotz aller Fortschritte der letzten Jahrzehnte von einer tatsächlichen Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern hinsichtlich Lastenverteilung im Haushalt sowie Karrierechancen weit entfernt sind, ist es plausibel, dass diese Belastungen Frauen überproportional hart treffen. Die oben erwähnte anekdotische und (erstmal selektiv) systematische Evidenz scheint diese Vermutung zu bestätigen – wer über einen längeren Zeitraum nicht richtig arbeiten kann, erfährt in der quantitativ geprägten akademischen Welt einen herben Rückschlag für die eigenen Karrierechancen. Dabei werden Frauen doppelt betroffen – zum einen ist ihre Ausgangsposition in vielen Bereichen schwächer (z. B. in der Umweltökonomik), zum anderen sind sie von den aktuellen Belastungen stärker betroffen. Sollte sich dieser Eindruck durch umfassende und systematische Untersuchungen erhärten, wird man über korrigierende Maßnahmen nachdenken müssen. Einfach wird dies jedoch nicht sein – zumindest solange wir weiterhin primär auf quantitative Kriterien wie Publikationszahlen und h-Index setzen, wenn es um Entscheidungen über Entfristungen oder Berufungen geht…

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