Auch in der Landwirtschaft setzt Sollen Können voraus

Klima- und Naturschutz, Tierwohl, bessere Arbeitsbedingungen für saisonale Kräfte… Die Liste der Forderungen aus Politik und Zivilgesellschaft an die Landwirtschaft ist lang. Die meisten von ihnen sind wohl berechtigt. Nichtsdestotrotz ist es eine offene Frage, wie viel man von landwirtschaftlichen Betrieben verlangen kann, angesichts der ökonomischen, rechtlichen, technologischen oder natürlichen Restriktionen, die ihren Handlungsspielraum beschränken. Mit anderen Worten: machen es sich politische und zivilgesellschaftliche Akteure nicht etwas zu einfach, wenn sie erwarten, „die Landwirtschaft“ solle bestimmten Forderungen einfach folgen, ungeachtet dessen, ob sie es auch kann? Tragen Landwirt:innen für all die negativen Konsequenzen landwirtschaftlicher Produktion Verantwortung?

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Nachhaltiger Konsum: Exit oder Voice?

Es ist keine neue Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit umfassender Änderungen in Konsummustern bedarf. Eine entscheidende Frage dabei: wie sollte man diese Änderungen herbeiführen? Zwei Optionen stehen grundsätzlich zur Debatte, die oft in scharfen entweder–oder-Kategorien diskutiert werden – individuelle Konsumentscheidungen sowie Veränderungen in den Rahmenbedingungen (Verbote, Anreize etc.). Viele Konsument:innen gehen bereits den Weg der individuellen Konsumentscheidungen und versuchen, auf problematische Produkte zu verzichten oder sie durch nachhaltigere Alternativen zu ersetzen. Damit geht oft die Aufforderung an die Umgebung einher, es ihnen gleichzutun. Doch ist das eine zielführende Strategie?

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Frage ans Publikum: Welche Gründe gibt es für die Sonderbehandlung der Landwirtschaft?

Agricultural Exceptionalism ist ein bereits älteres Konzept (vgl. beispielhaft hier), das auf der Beobachtung gründet, dass die Landwirtschaft seitens der Gesellschaft und des Staates anders behandelt wird als andere Sektoren moderner Volkswirtschaften. Diese „Sonderbehandlung“ hat sich im Verlauf der Zeit gewandelt, die grundsätzliche Gültigkeit dieser Diagnose bleibt jedoch. Verschiedene ihrer Aspekte werden dabei von verschiedenen Akteuren kritisiert – während bspw. Umweltverbände anprangern, dass die Landwirtschaft der einzige Sektor ist, der offen und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit massiv staatlich subventioniert wird, beklagen Bauernverbände, dass sie wie kein anderer Sektor einer Vielzahl Regulierungen ausgesetzt, ja, unterworfen ist. Man könnte ketzerisch behaupten, dass dies zwei Seiten derselben Medaille sind, aber darum geht es mir heute nicht. Mich interessieren die Gründe dieser Sonderbehandlung, des Exceptionalism.

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Warum ich mich hinsichtlich globaler Studien geirrt habe (teilweise)

Ich hatte schon immer eine recht tief sitzende Skepsis gegenüber globalen Betrachtungen im Bereich der Umweltforschung – sei es das sehr einflussreiche Konzept planetarer Grenzen, globale Analysen von Umweltpolitik, ähnlich groß angelegte Modellierungsstudien oder Costanzas berühmte (und unsinnige) „ökonomische“ Bewertungsstudie der Biosphäre. Stattdessen plädierte ich immer für die weniger größenwahnsinnigen, weniger Nature- oder Science-trächtigen, dafür deutlich detailreicheren und weniger mit problematischen Annahmen behafteten, kontextspezifischen lokalen und regionalen Betrachtungen. Diese machen auch den Großteil meiner eigenen Forschung aus. Und doch komme ich zunehmend zu dem Schluss, dass globale Betrachtungen keineswegs verzichtbar sind – ganz im Gegenteil, all ihren Problematiken zum Trotz sind sie zwingend notwendig. In einer global vernetzten Welt kommt man nicht um sie umhin – allerdings muss klar sein, was sie leisten können und was hingegen kleinerskaligen Studien überlassen werden sollte.

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[Progressive Agrarwende] Agrarumweltpolitik in heterogenen Landschaften: die Kunst der Abwägung

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Landwirtschaft enorme Produktivitätsfortschritte erzielt, sodass Ernährungssicherheit, der alte Hauptfokus der europäischen und deutschen Agrarpolitik, nicht mehr bedroht ist. Dank synthetischen Inputs und immer effizienterer Landtechnik machte die Landwirtschaft sich dabei unabhängiger von den Rückkopplungen aus den Ökosystemen, in die sie eingebettet ist. Dies hatte teilweise gravierende negative Folgen für diese Ökosysteme, die von „ausgeräumten“ Landschaften und Emissionen von Nährstoffen, Toxinen und Treibhausgasen beeinträchtigt werden. So werden nun Forderungen nach einer nachhaltigeren und weniger auf nur Nahrungsmittelproduktion fokussierten Ausrichtung der Landwirtschaft immer lauter, Agrar- bzw. gar Landwende ist das Stichwort. Doch wie kommt man dahin? Und was sind die Herausforderungen? Weiterlesen auf Progressive Agrarwende

Nachhaltige Landwirtschaft – Summe UND Einzelteile

Zu oft werden in der Debatte um die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft einzelne Ansätze als DIE Lösung dargestellt: Bio-Landwirtschaft, Agroforst, regenerative Landwirtschaft, Precision Farming, Community-Supported Agriculture, you name it. Eine solche one-size-fits-all-Perspektive verkennt zweierlei. Erstens, dass Landwirtschaft inhärent, von ihrem Wesen her heterogen ist – je nach Region, Betrieb, ja sogar Feld sind die natürlichen, ökonomischen, sozialen Bedingungen unterschiedlich. Zweitens, dass kein einzelner Ansatz frei von Zielkonflikten ist. Ein Denken in mehr oder weniger klar umrissenen „Modellen“ ist hier nicht zielführend. Doch es wäre genauso irreführend, nachhaltige Bewirtschaftungspraktiken atomistisch, losgelöst voneinander zu betrachten, denn zum einen bedingen sich viele Praktiken gegenseitig, zum anderen gibt es kaum welche, die nach allen Kriterien durch die Bank als nachhaltig gelten können.

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Interdisziplinäre Forschung zwischen materiellen und kulturellen Ungleichgewichten

Interdisziplinarität ist die conditio sine qua non gesellschaftlich relevanter Nachhaltigkeitsforschung. Nur leider spiegelt sich dies in der Forschungsförderung und -organisation nur bedingt wieder. So zeigten Indra Overland und Benjamin Sovacool kürzlich im Kontext der Klimaforschung, dass weltweit lediglich etwa ein Promille der in sie fließenden Mittel bei den Sozialwissenschaften landet. Dieses massive Ungleichgewicht „beraubt“ die Klimaforschung essentieller Erkenntnisse bezüglich des klimarelevanten menschlichen Verhaltens, der Rolle von Institutionen bzw. insgesamt eines umfassenden Systemverständnisses. Gleichwohl ist es leider so, dass es keineswegs ausreichen wird, schlicht den Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen mehr Geld zuzustecken. Denn die Ungleichgewichte, die interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung erschweren, sind nicht nur materieller, sondern auch kulturell–institutioneller Natur. Und als solche alles andere als leicht zu beheben.

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