Interdisziplinäre Forschung zwischen materiellen und kulturellen Ungleichgewichten

Interdisziplinarität ist die conditio sine qua non gesellschaftlich relevanter Nachhaltigkeitsforschung. Nur leider spiegelt sich dies in der Forschungsförderung und -organisation nur bedingt wieder. So zeigten Indra Overland und Benjamin Sovacool kürzlich im Kontext der Klimaforschung, dass weltweit lediglich etwa ein Promille der in sie fließenden Mittel bei den Sozialwissenschaften landet. Dieses massive Ungleichgewicht „beraubt“ die Klimaforschung essentieller Erkenntnisse bezüglich des klimarelevanten menschlichen Verhaltens, der Rolle von Institutionen bzw. insgesamt eines umfassenden Systemverständnisses. Gleichwohl ist es leider so, dass es keineswegs ausreichen wird, schlicht den Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen mehr Geld zuzustecken. Denn die Ungleichgewichte, die interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung erschweren, sind nicht nur materieller, sondern auch kulturell–institutioneller Natur. Und als solche alles andere als leicht zu beheben.

Overlands und Sovacools Analyse befasste sich mit einem speziellen Unterbereich der Nachhaltigkeitsforschung; außerdem nutzten sie einen globalen Datensatz. Die genauen Zahlen sind also nicht auf konkrete Regionen oder andere Bereiche als Klimaforschung direkt übertragbar, obgleich die grundsätzliche Botschaft es wohl ist. So sieht die Situation in der EU und Deutschland etwas besser aus als anderswo – hier ist den Geldgebern schon länger bewusst, dass Interdisziplinarität not tut. Sowohl das große Forschungsförderprogramm der EU, Horizon 2020, als auch bspw. FONA (Forschung für Nachhaltige Entwicklung) des BMBF, betonen die Wichtigkeit des Einbezugs von Sozial- und Geisteswissenschaften in Forschungsprojekte, die sich der Nachhaltigkeit widmen. Hier ist das Ungleichgewicht zwischen technischen bzw. Naturwissenschaften einerseits und Sozial- und Geisteswissenschaften andererseits also weniger gravierend. Aber es ist nichtsdestotrotz vorhanden.

So sind Sozialwissenschaftler*innen in interdisziplinären Projekten oft nur „Juniorpartner*innen“ – sowohl was die Ressourcenausstattung als auch den Einfluss auf die Ausrichtung des Projektes betrifft. Anekdotische Evidenz zeigt, dass es dabei zwei Typen von Erwartungshaltungen gegenüber sozialwissenschaftlichen Projektpartnern gibt: entweder man sucht jemanden, der stark quantitativ arbeitet, weil man sich davon die einfachste Zusammenarbeit erhofft. In dieser Situation fällt die Wahl üblicherweise auf Ökonom*innen, die sich bekanntlich schon historisch stark an den Naturwissenschaften orientierten. Oder man hält eher nach qualitativ arbeitenden Sozialwissenschaftler*innen Ausschau, die als eine Art projektinterne Marketing-/PR-Abteilung verstanden werden – sie sollen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, technischen Tools etc. „an den Mann bringen“. Und zwar mithilfe von Akzeptanzanalysen, Policy Briefs und sonstigen „soften“ Methoden.

Mit anderen Worten: auch in genuin interdisziplinär orientierten Kontexten (in denen ich mich bewege) fehlt den meisten Naturwissenschaftler*innen jegliches Verständnis für die Diversität sozialwissenschaftlicher Perspektiven. Soziolog*innen, Politolog*innen, Ökonom*innen, Anthropolog*innen, Humangeograf*innen, Psycholog*innen sind nicht beliebig austauschbar, auch nicht, wenn man sie vorsorglich in „quantitative“ und „qualitative“ unterteilt hat. Ihre Perspektiven sind vielmehr komplementär – sie schauen sich verschiedene Aspekte des Spannungsverhältnisses Mensch–Umwelt an. Um ein umfassendes Systemverständnis zu erlangen, lohnt es sich, verschiedene sozialwissenschaftliche Perspektiven einzubeziehen. Und damit mein Beitrag sich nicht wie eine Anklage der „ignoranten Naturwissenschaftler*innen“ liest (die er nicht ist), möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass nach meiner Beobachtung vielen Sozialwissenschaftler*innen ebenfalls das Verständnis für die Perspektiven der anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen fehlt, und vor allem für ihren komplementären Erkenntniswert. Eher herrscht hier ein hochnäsiges Konkurrenzdenken vor, was eine Verbesserung des hier bemängelten Ungleichgewichts nicht einfacher macht. Dabei könnten Sozialwissenschaftler*innen außer ihrer Expertise im Hinblick auf die „menschliche“ Seite sozial–ökologischer Systeme auch insofern zu interdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung beitragen, als sie zwischen verschiedenen Domänen (z. B. Landnutzungs- und Klimaforschung) vermitteln können, sei es mithilfe der Zielkonflikt-, Nexus- oder einer anderen konzeptionellen Brille (ein schönes Beispiel hierfür ist die Forschung der MultiplEE-Nachwuchsgruppe meines Kollegen Paul Lehmann).

Damit wäre ein erster Grund genannt, warum die Behebung des materiellen Ungleichgewichts allein nicht unbedingt zu mehr und besserer interdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung führt: mangelndes Verständnis für die Rolle und die Diversität der Sozialwissenschaften. Hier bedarf es vielmehr eines kulturellen Wandels. Doch auch darüber hinaus gibt es kulturelle und institutionelle Barrieren, wie Chad Baum und ich in unserem von Overland und Sovacools Analyse inspirierten Artikel schrieben (und auf dem dieser Beitrag basiert). Chad und ich schrieben unseren Artikel aus der Perspektive von Nachwuchswissenschaftlern. Will man in der Wissenschaft Karriere machen, muss man sich in der Regel disziplinär orientieren – wie ich vor einer Weile hier schrieb, ist es sehr schwer, sich einen Namen zu machen, wenn man interdisziplinär forscht und publiziert. Da interdisziplinäre Forschungskulturen und -strukturen rar sind (dazu gleich), entsprechende Forschung aber anderswo, z. B. an den meisten Universitäten, wenig Anerkennung findet, muss man sich als Nachwuchswissenschaftlerin in der Nachhaltigkeitsforschung gehörig verbiegen und Risiken eingehen. Die weniger riskante Option ist dabei, sein disziplinäres Silo nicht zu verlassen – mitunter auf Kosten der epistemischen Qualität und der gesellschaftlichen Relevanz der betriebenen Forschung. So bleibt risikofreie interdisziplinäre Forschung denjenigen vorbehalten, die erstens für Forschung immer weniger Zeit haben und zweitens in disziplinären Silos großgeworden sind – den Etablierten, vor allem Lehrstuhlinhaber*innen.

Ein weiteres Problem ist die räumliche und organisatorische Trennung zwischen Disziplinen an den meisten Universitäten und Forschungsinstituten, wodurch Interdisziplinarität hauptsächlich „virtuell“, auf Entfernung, meist im Rahmen von Drittmittelprojekten stattfindet. Sie prägt aber nur in wenigen Fällen den Alltag der Beteiligten; bedenkt man jedoch, wie schwierig Interdisziplinarität ist, weil sie eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Perspektive auf Nachhaltigkeitsprobleme erfordert, ist eine mehr als sporadische Interaktion und eine gewisse intellektuelle Vertrautheit der beteiligten Akteure eigentlich unentbehrlich.

Hier ist übrigens das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), wo ich arbeite, ein verhalten positives Beispiel. Zwar sind Sozialwissenschaften zahlenmäßig unterrepräsentiert (sie stellen einen von sechs sogenannten Themenbereichen bzw. vier von ca. 40 Departments), doch organisatorisch und (zumindest am Standort Leipzig) auch räumlich sind wir sehr stark mit den Naturwissenschaften integriert. Der Idee nach sind die UFZ-Sozialwissenschaften (d. h. die Departments für Ökonomie, Soziologie, Politiwissenschaft und Rechtswissenschaft) ein „Querschnittsbereich“, der in die verschiedenen Domänen (Wasserforschung, Landnutzungsforschung, Chemikalienforschung…) „hineingreift“ und sie mitbedienen soll. Allerdings oft, schon aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit, als Juniorpartner. Strukturell gibt es klare Anreize für interdisziplinäre Zusammenarbeit – oder zumindest gab es sie bis vor Kurzem. Bis vor Kurzem gab es quer zu den disziplinär organisierten Themenbereichen und Departments die sogenannten integrierten Projekte (IPs), in denen Vertreter*innen verschiedener Disziplinen in konkreten Domänen zusammengearbeitet haben – meine Wenigkeit beispielsweise im IP Land-Use Conflicts, zusammen mit Landschaftsökolog*innen, Bodenkundler*innen, Systemmodellierer*innen und anderen. Alle haushaltsfinanzierten (d. h. eher auf Dauer angelegten) Stellen am UFZ waren mit IPs assoziiert, und die aktive interdisziplinäre Mitarbeit in diesen war eine wichtige Voraussetzung für Beförderungen. Leider befinden sich diese Strukturen gerade in Desintegration: im Rahmen der neuen 7-jährigen Helmholtz-Förderperiode werden die integrierten Projekte durch integrierte Plattformen ersetzt. Die Abkürzung IP bleibt zwar – doch die neuen IPs sind 1:1 in Themenbereiche eingebettet, was den Austausch über disziplinäre Grenzen gehörig erschweren dürfte. Wo es ein genuines, intrinsisches Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit gibt, wie in meinem alten IP, dürfte dies nicht so schlimm sein – die Zusammenarbeit dürfte in semiformellen Strukturen weitergehen. Doch nicht überall kann man so leicht auf strukturelle Anreize verzichten, und da dürfte es mit Interdisziplinarität nun deutlich schwieriger sein… Dies zeigt nicht nur, wie wichtig die Interdisziplinarität fördernde Strukturen sind, sondern auch wie fragil sie sein können.

Wer interdisziplinäre, gesellschaftlich relevante Nachhaltigkeitsforschung will, muss Geld in die Hand nehmen bzw. das vorhandene Geld anders, nämlich gleichmäßiger alloziieren. Doch Geld allein löst das Problem nicht; es bedarf eines tiefgreifenden strukturellen, kulturellen und institutionellen Wandels, der die Umallokation finanzieller Ressourcen begleitet. Sonst läuft man Gefahr, besser/gleichmäßiger ausgestattete disziplinäre Silos zu fördern.

File:UFZ location in Leipzig, Germany.jpg
UFZ/Wissenschaftspark Leipzig. Bildquelle: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 Sebastian Wiedling.

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