Nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft: einige Eckpunkte

Heute einfach mal, ohne große Einleitungen, eine unvollständige Sammlung von Gedanken zum Thema „nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft“.

Bevor ich loslege: wenn ich „nachhaltige Landwirtschaft“ schreibe, meine ich primär ökologische Nachhaltigkeit. Bei anderen Nachhaltigkeitsdimensionen würde ich mich expertisemäßig zu weit aus dem Fenster lehnen. Mindestens an einer Stelle scheint es auch einen Konflikt zwischen der von mir betonten ökologischen Nachhaltigkeit und sozialen Fragen zu geben (s. unten). Eine zweite Klarstellung: die folgenden Überlegungen basieren teilweise auf Forschungsergebnissen (von Anderen und von mir selbst), teilweise aber auch auf weniger substanziierten Überlegungen von mir.

Eine große Rolle bei meinen Überlegungen spielt die räumliche Heterogenität von Agrarlandschaften – Heterogenität hinsichtlich Geomorphologie, Bodentyp und -art, Mikroklima, Bewirtschaftungshistorie, Anteil und Art natürlicher Biotope in der Umgebung etc. Diese Heterogenität ist mitunter auch auf recht kleinen Skalen beträchtlich. Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Agrarlandschaften sind multifunktional. Sie werden nicht unbedingt als solche bewirtschaftet, aber sie stellen multiple Ökosystemdienstleistungen bereit, die für unterschiedliche Gruppen von Menschen (unterschiedlich) relevant und wichtig sind. Dies ist eine zweite Heterogenitätsebene – im Ökonom*innen-Sprech, die Heterogenität von Präferenzen. Aus diesen Heterogenitäten folgt etwas eigentlich Offensichtliches – es gibt nicht die nachhaltige landwirtschaftliche one-size-fits-all-Praxis, die immer und überall funktioniert. Stattdessen gibt es zahlreiche konkurrierende, teilweise aber auch komplementäre Ansätze, die relevant sein dürften: Bio-Landwirtschaft, Agroforst, Integrated Pest Management, regenerative Landwirtschaft, no-till/Direktsaat, nachhaltige Intensivierung, ökologische Intensivierung… Wenn man dann noch davon ausgeht, dass es eine „Know-how-Asymmetrie“ gibt zwischen den einzelnen Landwirt*innen und dem Rest der Gesellschaft hinsichtlich dessen, wie bestimmte ökologische Ziele auf den Flächen der Letzteren zu erreichen sind (obwohl die Wissenschaft hier auch ein Wörtchen zu sagen haben dürfte), sind ergebnisorientierte Instrumente der Agrarumweltpolitik unumgänglich. Instrumente also, die weniger konkrete Bewirtschaftungsmethoden und -praktiken betreffen, sondern vielmehr Anreize setzen zur Erreichung bestimmter quantifizierbarer und messbarer Ziele – bspw. Biodiversitätssteigerungen oder Kohlenstoffspeicherung im Boden.

In einer erstbesten Welt würden diese Anreize über Marktpreise vermittelt – wenn diese alle relevanten Knappheiten widerspiegeln würden (also auch hinsichtlich der natürlichen Ökosysteme und der öffentlichen Güter/Ökosystemdienstleistungen, die sie bereitstellen, und deren Funktion von der Landwirtschaft maßgeblich beeinflusst wird), bräuchte man keine weiteren Instrumente. Jahrzehnte der (Umwelt-)Ökonomik zeigen allerdings, dass dies so einfach nicht funktioniert – weil viele Ökosystemdienstleistungen schwer in monetären Einheiten (Preisen) auszudrücken sind, weil Konsument*innen all die Informationen nicht wirklich alle auf einmal und bei jeder Konsumentscheidung verarbeiten können, weil es sich um öffentliche Güter handelt, wodurch soziale Dilemmata eine große Rolle spielen. Wegen all dieser und weiterer Komplikationen müssen wir, wenn wir ökologisch nachhaltige Landwirtschaft haben wollen, mit dem Zweitbesten leben – Politikinstrumenten, die Anreize zur Erreichung gesellschaftlich erwünschter Ziele (hier: Ökosystemdienstleistungen) setzen. Seien es Agrarumweltzahlungen, Steuern (z. B. auf Pestizide) oder Verbote/Verpflichtungen, und zwar entlang der Wertschöpfungskette (von der Landwirtin über die Verarbeitung, Lebensmitteleinzelhandel bis zu den Konsument*innen). Wichtig ist, dass diese Instrumente soweit wie möglich ergebnisorientiert ausgestaltet werden, und nicht mehr als zwingend notwendig einzelne vermeintlich wünschenswerte Bewirtschaftungsformen vorgeben (man könnte hier in Anlehnung an die Energiepolitik von „Technologieneutralität“ sprechen).

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass verschiedene Ökosystemdienstleistungen auf verschiedenen räumlichen Ebenen bereitgestellt werden – viele von ihnen oberhalb der Ebene des einzelnen Betriebs, z. B. auf Landschaftsebene. Das macht die Sache kompliziert. Denn wenn es beispielsweise um den Schutz mobiler Arten geht, spielt Konnektivität eine große Rolle – nur wenn mehrere Betriebe in einer Region ihre Bewirtschaftung entsprechend ausrichten, werden die erwünschten ökologischen Effekte erreicht. Kein einzelner Betrieb hat den Erfolg „in der Hand“; im Extremfall reicht ein „Ausreißer-Betrieb“, um die Bemühungen der Anderen zu konterkarieren. Auch dafür gibt es instrumentelle Ansätze (bspw. kollaborative Agrarumweltprogramme oder sog. Agglomerationsboni). In jedem Fall erfordern solch „emergente“ Effekte auf Landschaftsebene, die nicht-linear auf die Bemühungen der einzelnen Betriebe reagieren, ein hohes Maß an Koordination.

Womit wir zu dem bereits angekündigten Punkt kommen, an dem die Bemühung um ökologische Nachhaltigkeit negative soziale Konsequenzen haben kann. Verhandlungstheorie und der „gesunde Menschenverstand“ legen gleichermaßen nahe, dass Koordination umso einfacher ist, je weniger Akteure beteiligt sind. In unserem Fall also: weniger Betriebe. In der Tat gibt es empirische Ergebnisse, die nahelegen, dass das Narrativ, kleine Familienbetriebe wären die Rettung der Umwelt, große „industrielle“ Betriebe hingegen ihr Verderben, zumindest nicht zwingend richtig sein muss. Dafür gibt es zahlreiche Gründe; neben dem bereits erwähnten, der nur für spezielle Umweltgüter gilt (wo Konnektivität und räumliche „Spill-over-Effekte“ von einem Betrieb oder Feld zu den Nachbarn eine wichtige Rolle spielen), sind es auch schlicht die größeren Aktionsspielräume, die große Betriebe verglichen mit kleinen haben – sie verfügen über mehr Investitionskapital, mehr Möglichkeiten zum „Experimentieren“ auf Teilflächen. Eine nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft ist nicht zwangsläufig eine kleinbäuerliche Landwirtschaft.

Ein historischer Vorteil von kleinen Betrieben hatte lange Zeit mit der oben erwähnten räumlichen Heterogenität zu tun – je kleiner die bewirtschaftete Fläche, desto geringer die Heterogenität, und daher umso räumlich spezifischer/angepasster die Bewirtschaftung. Doch auch dieser Vorteil schwindet mit modernen Entwicklungen wie der Digitalisierung – es wird immer einfacher, kleinräumliche Strukturen auch in großen Betrieben so zu bewirtschaften, um der räumlichen Heterogenität gerecht zu werden.

À propos Digitalisierung: diese könnte (mit Betonung auf den Konjunktiv) sich als für die Transformation zur nachhaltigen Landwirtschaft zentral erweisen. Nicht nur könnte sie die räumlich differenzierte Bewirtschaftung erleichtern; sie könnte auch eine große Herausforderung für die Forschung und die Politik lösen helfen – indem sie räumlich hoch aufgelöste, präzise Daten generiert. Daten, die einerseits notwendig sind, um gesicherte Erkenntnisse über die Umweltwirkungen verschiedener Bewirtschaftungspraktiken bereitzustellen. Und andererseits hilfreich sein können, die Kosten des Monitoring von Umweltzielgrößen (s. oben) zu reduzieren, sodass der Übergang von handlungs- zu ergebnisorientierten Anreizen erleichtert wird. An dieser Stelle sollten der potenzielle Konflikt mit Datenschutz und Fragen der data ownership allerdings nicht außer Acht gelassen werden. Welche Rolle die Digitalisierung bei der Transformation der Landwirtschaft hin zur Nachhaltigkeit letztlich spielen wird, ist derzeit noch recht unklar. Dass sie eine Rolle spielen wird, ist hingegen ziemlich offensichtlich.

Der letzte „Eckpunkt“ einer nachhaltigen Landwirtschaft der Zukunft, den ich ansprechen möchte, ist der bisher in der deutschen und europäischen Umweltpolitik weitgehend vernachlässigte internationale Handel. Auch wenn die Welthandelsorganisation (WTO) inzwischen an Prominenz und Bedeutung eingebüßt hat, denkt man bei der Handelspolitik weiterhin fast ausschließlich in eine Richtung: mehr Offenheit. Ständig werden neue Freihandelsabkommen ins Leben gerufen, verhandelt, ratifiziert (oder auch nicht)… Doch offene internationale Märkte konterkarieren national oder auch supranational (EU) formulierte Umweltpolitik. Wenn wir in der EU die oben genannten Anreize für umweltfreundlichere landwirtschaftliche Praxis setzen, werden sie erstmal nur für die Agrarprodukte gelten, die in der EU produziert werden. Dies hat zweierlei Konsequenzen – zum einen bedeutet es, dass hierzulande produzierte Lebensmittel ohne entsprechende Honorierung teurer werden als Importe. Denn Umweltschutz gibt es nicht umsonst. Zum anderen laufen wir Gefahr, die negativen Umweltexternalitäten schlicht ins Ausland zu verlagern, gerade da viele für den Umweltschutz vorteilhafte Maßnahmen eine Extensivierung der Produktion bedeuten dürften. Bei gleichbleibender Nachfrage nach Lebensmitteln und wahrscheinlich sogar steigender Nachfrage nach Biomasse für Energie- und stoffliche Produktion (Stichwort: Bioökonomie) führt Extensivierung aber zu sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen – die wegfallende Produktion findet irgendwo im Ausland statt, möglicherweise mit schlimmeren Konsequenzen für die Umwelt als die im Inland vermiedenen (ein Beispiel für eine Politik, die solche Wirkungen entfalten könnte, ist übrigens der European Green Deal). Wenn man es also mit nachhaltiger Landwirtschaft ernst meint, kommt man wohl nicht um irgendeine Form von Handelsschranken umhin, die verhindern, dass wir die hier nicht gewollten Umweltschäden nicht einfach „exportieren“, und dabei noch möglicherweise die hiesigen Nachhaltigkeitsbemühungen unterminieren.

Womit ich mit meinen Gedanken zum Thema „Nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft“ für heute durch wäre. Kritische Kommentare sind herzlich willkommen – dies hier ist nicht nur definitiv nicht der Wahrheit letzter Schluss. Womöglich ist es stattdessen einfach nur Stuss.

Insel Vilm, 2014.

2 Gedanken zu “Nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft: einige Eckpunkte

  1. Hallo,
    bin skeptisch, ob man nachhaltige Landwirtschaft mit Hilfe von chemischen Pflanzen-Schutzmitteln leisten kann? Bisher sind die Ergebnisse solcher Einsätze immer negativ konotiert worden (2,4,5-T, Lindan, Glyphospat, E 605, usw). Durch immer bessere Analytik konnte man die negativen Effekte (auf Mensch und Tier und auf Natur/Ökologie) solcher Mittel belegen…

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    • Ich bin kein Experte für Pflanzenschutzmittel (da verweise ich lieber auf die kompetenten Kollegen aus Zürich); mein Verständnis ist aber, dass alle Pflanzenschutzmittel/-strategien mit Zielkonflikten einhergehen. Mein „Lieblingsbeispiel“ ist dabei der Verzicht aufs Pflügen (no-till/Direktsaat), der für den Boden von großem Vorteil ist, bei dem aber der Einsatz eines Totalherbizids (wie Glyphosat) in den meisten Fällen unverzichtbar ist (Konsequenzen eines Glyphosat-Verbots haben sich die erwähnten Kollegen von der ETH intensiv angesehen, z. B. hier).

      Daher erscheint mir ein flexibler Ansatz im Sinne des integrierten Pflanzenschutzes sinnvoll – synthetische Pflanzenschutzmittel als Option „of last resort“, beispielsweise bei akutem Schädlingsbefall. Das kann unter Umständen auch im Sinne der Landwirt*innen, denn Pestizide kosten Geld. Genomeditierung könnte hier ebenfalls eine Rolle spielen, um die Resistenz von Kulturpflanzen gegen Schädlinge zu verbessern.

      Mit anderen Worten: ich kann mir eine Landwirtschaft ohne synthetische Pflanzenschutzmittel nicht wirklich realistischerweise vorstellen; und ich habe Zweifel, dass sie erstrebenswert wäre. Ja, synthetische Pflanzenschutzmittel sind problematisch – aber sie haben auch einen Sinn bzw. der Verzicht auf ihren Einsatz hat Kosten, auch hinsichtlich der Umwelt (s. das Direktsaat-Beispiel).

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