Sind wir alle viel zu satt?

An eine Wand auf meinem üblichen Weg zur Arbeit hat jemand den Spruch „Ihr seid alle viel zu satt!“ gesprayt. So plakativ diese Formulierung sein mag, trifft sie meines Erachtens den Kern unserer kollektiven Unfähigkeit, auf so vielen Feldern „das Richtige“ zu tun – sei es im Umgang mit Menschenrechtsverletzungen an den eigenen Grenzen (sog. „Flüchtlingskrise“) oder außerhalb ihrer, gegenüber unseren „außenpolitischen Partnern“ wie die Türkei oder Saudi-Arabien oder Israel oder Russland oder China; sei es im Umgang mit der Pandemie, mit der Klima- und sonstigen Umweltkrisen. Wir weigern uns, zu akzeptieren, dass die Lösung dieser Probleme schmerzhaft sein wird. Dass wir vorübergehend (im Falle der Pandemie) oder auch dauerhaft (im Falle des Klimawandels) unsere Art zu leben, zu wirtschaften ändern müssen, um das Problem zu lösen. Dass Rhetorik, Appelle, Noten oder das Hoffen auf einen mehr oder weniger bestimmten Deus ex machina (in der Regel: Technologie) nicht wirken oder zumindest nicht ausreichend sind. Mit anderen Worten: dass die Problemlösung verlangt, dass wir kollektiv die Zähne zusammenbeißen und den Hintern zusammenkneifen – denn hinausschieben notwendiger tiefgreifender Änderungen wird das Problem nur schlimmer und die später unvermeidlichen Anpassungen noch schmerzhafter machen.

Um bei meinem angestammten Thema, dem Umweltschutz, zu bleiben: ich kenne einige Menschen (vor allem über Twitter, meinem „Fenster“ in die Welt außerhalb meiner kleinen linksgrün-versifften Blase), die auf das Wort „Transformation“ allergisch reagieren. Und das kann ich z. T. nachvollziehen, weil es in der Zivilgesellschaft und mitunter auch der Politik teils so dargestellt wird, als ob man eine Transformation gezielt planen und steuern könnte. Mitnichten. Die Organisation einer Gesellschaft ist dafür zu komplex, die Interessen zu gegenläufig und „fließend“, die Pfadabhängigkeiten zu allgegenwärtig. All das verhindert eine zielgerichtete Erreichung eines wünschenswerten Endzustands. Es ist OK, eine utopische Vorstellung von einer perfekt demokratischen, nachhaltigen und friedlichen Gesellschaft zu haben – solange man sich darüber im Klaren ist, dass man dort höchstens durch Zufall hinkommt.

Nichtsdestotrotz kommen wir an einer Transformation nicht vorbei. Um den Klimawandel auf ein akzeptables Ausmaß zu beschränken oder den Biodiversitätsverlust soweit aufzuhalten, dass wir nicht auf essentielle Ökosystemleistungen verzichten müssen (und sie unter großem Aufwand ersetzen, wo dies überhaupt möglich ist), müssen wir nicht nur Technologien entwickeln und klug einsetzen, sondern auch die Art ändern, wie wir produzieren und konsumieren, wie wir Warenströme organisieren. Und das in einem Ausmaß, das den Namen „Transformation“ verdient. Allerdings wird es eher eine Transformation im Sinne eines emergenten Phänomens – wir drehen an vielen kleinen Schrauben, und was am Ende herauskommt, kann meilenweit davon entfernt liegen, worauf wir eigentlich gezielt haben (wobei man eigentlich auch noch beachten sollte, dass es sowieso nicht ein „wir“ gibt, und damit nicht den einen „wünschenswerten“ Endzustand). Solange wir aber an einem Ort herauskommen, der mit mehr Nachhaltigkeit, Multifunktionalität, Resilienz einhergeht, war die Transformation erfolgreich. Man sollte sie bloß nicht an einem fixen Endzustand messen.

Eine solche Transformation wird aus vielen kleinen „Bausteinen“ bestehen, aus einem Patchwork aus neuen Technologien, Wandel in Konsummustern, strengeren Mindeststandards und gezielteren Anreizen für nachhaltige Produktion, neuen Instrumenten zur Durchsetzung dieser Standards auch bei internationalem Handel. So oder so wird sie aber Verlierer:innen erzeugen; alles, was stark auf dem Einsatz fossiler Brennstoffe basiert, wird kurz- bis mittelfristig sich wandeln oder weichen müssen, Ähnliches gilt wohl für Teile der Tierhaltung und Fleischproduktion, und auf der Konsumseite für in ihrer Häufigkeit und Erschwinglichkeit selbstverständliche Flugreisen, um nur ein paar offensichtliche Beispiele zu nennen. Sich querzustellen und der Notwendigkeit des Wandels zu versperren, wird die Situation für die Betroffenen wohl nur verschlimmern – denn je länger wir den Wandel hinausschieben, desto drastischer wird er sein müssen. Klimawandelprojektionen zeigen dies schon seit einer Weile auf eine besonders plastische Art und Weise. Blockade-Haltung, die ich z. B. teilweise in der Landwirtschaft beobachte, ist also ein Schuss ins eigene Knie. Gleichwohl ist es aber unvermeidlich, dass wir uns als Gesellschaft überlegen, wie mit Verlierer:innen der Transformation zur Nachhaltigkeit umzugehen ist – wie viel Wandel ist den Betroffenen zuzumuten, wie kann die Last verteilt werden…? Dies hat auch viel mit Verantwortung zu tun, die gern einer einzelnen Gruppe zugewiesen wird, seien es die Konsument:innen, die vermeintlich inkonsistent handelten (denn die Produzent:innen hielten sich doch an gesetzliche Vorgaben, mehr dürfe man von ihnen nicht verlangen), die Produzent:innen, die wissentlich die Umwelt verschmutzten, die Politik, die entweder zu viel oder zu wenig, oder schlicht falsch reguliere. Solch einseitige Zuweisungen von Verantwortung oder gar Schuld sind in der Regel faktisch falsch (denn sie werden der Komplexität der Probleme nicht gerecht) und, rein pragmatisch betrachtet, kontraproduktiv, denn sie führen zu Abwehrreaktion und – eben, der oben angesprochenen Blockade-Haltung, die keine der beteiligten Seiten weiter bringt. Stattdessen sind Kompromisse notwendig, Ideen, was man den Verlierer:innen anbieten kann, damit sie den Wandel mittragen (ohne, dass ich naiv genug wäre, zu erwarten, dass wir am Ende eine „Friede, Freude, Eierkuchen“-Lösung finden, die alle freiwillig mittragen – aber es sollte zumindest versucht werden, einander entgegenzukommen und faire Angebote zu machen; ob sie fair sind, könnten bspw. deliberative Bürger:innen-Panels entscheiden).

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu einer Beobachtung, die ich in Diskussionen mit Landwirt:innen gemacht habe (ohne Anspruch auf Repräsentativität): es scheint ihnen akzeptabler, vom Marktgeschehen zum Wandel gezwungen zu werden als von politischen Eingriffen. Dabei drücken beide gesellschaftliche Präferenzen aus – die Nachfrage auf Märkten spiegelt dabei ganz gut Präferenzen für private Güter wider oder für solche öffentlichen Güter, die z. B. in Siegeln, Ampeln etc. „sichtbar“ gemacht werden können. Politische Eingriffe hingegen sind ein Versuch, diejenigen Präferenzen nach öffentlichen Gütern zur Geltung zu bringen, die sonst schwer bis gar nicht „sichtbar“ gemacht werden können – z. B. aufgrund von sozialen Dilemmata oder schwieriger Messbarkeit und „Attribution“ (Zuweisbarkeit) eines Umwelteffekts zu einem bestimmten Produkt oder einer Dienstleistung. Ein Beispiel für den zweiten Typ ist Biodiversitätsschutz, der für Siegel u. Ä. tendenziell zu komplex ist, u. a. weil er bei vielen Arten nicht vom Verhalten einzelner Produzent:innen abhängig ist. Auch Konsument:innen haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten, ihren Unmut mit einem Produkt oder einer Dienstleistung zu kommunizieren – exit, also den Wechsel zu einem anderen Anbieter, oder voice, also die an den Produzenten gerichtete Aufforderung, auf problematische Praktiken, Verfahren oder Inputs zu verzichten bzw. wünschenswerte einzuführen. Politische Debatten und anschließende politische Eingriffe sind eine Variante des voice; für welche der beiden Möglichkeiten Konsument:innen sich entscheiden und welche effektiv ist, hängt von vielen Faktoren ab, sodass ein grundsätzliches „Ich werde mich nur ändern, wenn der Markt mich dazu zwingt“ schlicht unsinnig ist.

Auch wenn Kompromisse und Kompromissbereitschaft den Herausforderungen einer Transformation zur Nachhaltigkeit zuträglich wären, sollten wir uns davor hüten, ins andere Extrem zu rutschen und uns (gegenseitig) einzureden, dass die Transformation ein reiner Gewinn sein wird. Sie wird eben nicht (zumindest nicht für alle) eine „Befreiung vom Überfluss“ sein, um den bekannten (und kontroversen) Postwachstumsdenker Niko Paech zu zitieren. Eine Transformation zur Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst; es gibt Zielkonflikte nicht nur zwischen Nachhaltigkeit und materiellem Wohlstand, sondern auch zwischen einzelnen Nachhaltigkeitszielen. Und das bedeutet, siehe oben, dass Rhetorik, die dazu auffordert, unsere bisherige Lebensweise als vermeintlich (oder auch faktisch) nicht nachhaltig zwecks eines Aufbruchs in eine Nachhaltigkeits-Utopie einfach „übern Haufen zu werfen“, zum Scheitern verurteilt ist. Natürlich wäre es schön, und zwar nicht nur beim Klimawandel oder Biodiversitätsverlust, sondern auch dem Israel-Palästina-Konflikt oder den Fluchtursachen vom globalen Süden in den globalen Norden, einfach eine Tabula raza zu haben, alle Pfadabhängigkeiten „aus der Welt zu schaffen“ und die Gesellschaft, die Wirtschaft sowie die Politik neu zu gestalten, gemäß dem, was wir heute wissen, was wir heute wollen und was wir heute können (unter der Annahme, dass „wir“ uns auch nur hinsichtlich eines dieser Punkte auf etwas einigen könnten). Doch das ist höchstens als Gedankenexperiment möglich. In der Realität ist das Problem gerade, dass eine Transformation für viele schmerzhaft sein und Verzicht bedeuten wird – auch wenn der Verzicht nicht zwangsläufig reines „Wegfallen“ bestimmter Optionen (bspw. alljährlicher Urlaub in Thailand) bedeuten muss, sondern die Substituierung durch weniger problematische Alternativen (bspw. Urlaub in Thailand 1–2 mal im Leben und sonst eher in flugfreier Reichweite). Leider sind wir Menschen bekanntlich nicht gut darin, darauf zu verzichten, was wir bereits haben (in der Psychologie bezeichnet man dies als „loss aversion“, die Verlustaversion bzw. -abneigung). So sehr uns die Paechs und Welzers dieser Welt aufs Gegenteil einstimmen wollen – weniger ist nicht immer mehr, zumindest fühlt es sich erstmal nicht so an. Nichtsdestotrotz kommen wir nicht umhin, uns die Frage zu stellen – ist der materielle Wohlstand, den wir im globalen Norden aktuell genießen, in seiner aktuellen Form dauerhaft aufrechtzuerhalten? Wohl eher nicht. Wir sind also vielleicht doch etwas „satter“, als es auch für uns gut wäre. Wenn dem so ist, können uns neue Technologien uns erlauben, diesen materiellen Wohlstand im Großen und Ganzen doch aufrechtzuerhalten? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Und angesichts der Schwere der möglichen Konsequenzen, falls Technologie es allein doch nicht richten kann, wäre es schon eher unklug, sich nur auf sie zu verlassen. Dann stehen wir wahrscheinlich irgendwann ganz schön blöd da, in einer „überhitzten“ Welt, und müssen unsere Lebensweise sehr viel schneller, drastischer und noch weniger zielgerichtet „transformieren“, als wir es jetzt vermutlich noch können.

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