Frage ans Publikum: Welche Gründe gibt es für die Sonderbehandlung der Landwirtschaft?

Agricultural Exceptionalism ist ein bereits älteres Konzept (vgl. beispielhaft hier), das auf der Beobachtung gründet, dass die Landwirtschaft seitens der Gesellschaft und des Staates anders behandelt wird als andere Sektoren moderner Volkswirtschaften. Diese „Sonderbehandlung“ hat sich im Verlauf der Zeit gewandelt, die grundsätzliche Gültigkeit dieser Diagnose bleibt jedoch. Verschiedene ihrer Aspekte werden dabei von verschiedenen Akteuren kritisiert – während bspw. Umweltverbände anprangern, dass die Landwirtschaft der einzige Sektor ist, der offen und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit massiv staatlich subventioniert wird, beklagen Bauernverbände, dass sie wie kein anderer Sektor einer Vielzahl Regulierungen ausgesetzt, ja, unterworfen ist. Man könnte ketzerisch behaupten, dass dies zwei Seiten derselben Medaille sind, aber darum geht es mir heute nicht. Mich interessieren die Gründe dieser Sonderbehandlung, des Exceptionalism.

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Sind wir alle viel zu satt?

An eine Wand auf meinem üblichen Weg zur Arbeit hat jemand den Spruch „Ihr seid alle viel zu satt!“ gesprayt. So plakativ diese Formulierung sein mag, trifft sie meines Erachtens den Kern unserer kollektiven Unfähigkeit, auf so vielen Feldern „das Richtige“ zu tun – sei es im Umgang mit Menschenrechtsverletzungen an den eigenen Grenzen (sog. „Flüchtlingskrise“) oder außerhalb ihrer, gegenüber unseren „außenpolitischen Partnern“ wie die Türkei oder Saudi-Arabien oder Israel oder Russland oder China; sei es im Umgang mit der Pandemie, mit der Klima- und sonstigen Umweltkrisen. Wir weigern uns, zu akzeptieren, dass die Lösung dieser Probleme schmerzhaft sein wird. Dass wir vorübergehend (im Falle der Pandemie) oder auch dauerhaft (im Falle des Klimawandels) unsere Art zu leben, zu wirtschaften ändern müssen, um das Problem zu lösen. Dass Rhetorik, Appelle, Noten oder das Hoffen auf einen mehr oder weniger bestimmten Deus ex machina (in der Regel: Technologie) nicht wirken oder zumindest nicht ausreichend sind. Mit anderen Worten: dass die Problemlösung verlangt, dass wir kollektiv die Zähne zusammenbeißen und den Hintern zusammenkneifen – denn hinausschieben notwendiger tiefgreifender Änderungen wird das Problem nur schlimmer und die später unvermeidlichen Anpassungen noch schmerzhafter machen.

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Was man so lesen könnte…

Kürzlich wurde ich von einem Praktikanten, der ein VWL-Masterstudium erwägt, nach Bücher-Empfehlungen zum Thema „Ökonomik“ gefragt. Tatsächlich wurde mein Denken über Ökonomik bzw. über Menschen und Gesellschaft durch die Lektüre vieler verschiedener, oft nicht mal im weiteren Sinne ökonomischer Bücher geprägt. Und da vielleicht jemand etwas davon hat, beschloss ich, die Bücher, die mein Denken besonders geprägt haben, mal gebündelt zu besprechen.

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Aus der Zeit gefallen: Renaturierung in Zeiten des globalen Wandels

Auf rhetorischer Ebene passiert in der EU gerade ziemlich viel im Hinblick auf den Umweltschutz. Der European Green Deal (EGD) und seine Satelliten (die Biodiversitäts-Strategie, die Farm-to-Fork-Strategie (F2F), neue Klimaziele) sind durchaus ambitioniert und betreffen alle möglichen Felder der Umweltpolitik (und, erfreulicherweise, darüber hinaus). Doch natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt – die Inkonsistenz des EGD bzw. speziell der F2F mit der anvisierten „Reform“ der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ist ein prominentes Beispiel. Im Bereich Biodiversitätsschutz setzt die Europäische Kommission hingegen sehr stark auf Renaturierung; für 2021 ist die Veröffentlichung von verbindlichen Renaturierungszielen im Rahmen der Biodiversitäts-Strategie geplant. Doch ist Renaturierung eine sinnvolle Strategie in Zeiten des globalen Wandels?

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Von Landwirtschaft und Apotheken

Seit inzwischen ca. 3,5 Jahren befasse ich mich in meiner Forschung vor allem mit den Umweltfolgen der Landwirtschaft sowie mit Agrarumweltpolitik. In dieser Zeit habe ich oft Beschwerden seitens der Landwirt*innen gehört bzw. gelesen, die mit der (wachsenden) Zahl der Regularien, denen ihre landwirtschaftliche Praxis unterliegt, unzufrieden sind. Mitunter wird dies gar als ein Grund für das Höfesterben genannt. Bei allem Verständnis für diese Unzufriedenheit ist mir letztens aufgefallen, dass es eine andere Quelle gibt, aus der ich ähnliche Beschwerden höre – die aber hinsichtlich „Durchreguliertheit“ nach meiner Wahrnehmung dann doch in einer ganz eigenen Liga spielt: Apotheken.

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Was an den Leopoldina-Stellungnahmen problematisch ist

Angesichts der aktuellen COVID19-Krise haben Regierungspolitiker*innen auf allen Ebenen des deutschen föderalen Staates schwere Entscheidungen unter hoher Unsicherheit zu treffen. Kein Wunder, dass nicht alle Entscheidungen und Entscheidungsprozesse breite Zustimmung finden. Ebenso verständlich ist auch der hohe Bedarf nach Politikberatung und vielfältiger Expertise. Eine wichtige Quelle autoritätsbehafteter Politikberatung ist derzeit die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, die gestern ihre bereits dritte sog. Ad-hoc-Stellungnahme zur COVID19-Krise veröffentlicht hat. Ich möchte nicht den Inhalt der Stellungnahme kommentieren; doch finde ich den dazugehörigen Prozess recht problematisch.

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Verhalten an der Ladentheke vs. Verhalten an der Urne

Was bei Landwirt*innen in Deutschland (aber auch anderswo) häufig zu Unmut führt, ist die Diskrepanz zwischen, einerseits, den Forderungen an die Landwirtschaft, die in Zeitungskommentaren, Demonstrationen, Talkshows, Petitionen und Volksbegehren geäußert werden und, andererseits, dem typischen Konsumverhalten. Vereinfacht geht es darum, dass viele Menschen von der Landwirtschaft offenbar mehr Umwelt- und Tierschutz fordern – gleichwohl nicht bereit zu sein scheinen, die damit einhergehenden höheren Lebensmittelpreise zu akzeptieren. Dabei gibt es zahlreiche Erklärungen für diese Variation des valueaction/attitudebehaviour gap.

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