Wohin mit der Agrarwende?

Ich habe meine Skepsis gegenüber Utopien schon mal hier diskutiert. Nun bewege ich mich in einem Feld – der Nachhaltigkeitsforschung –, in dem Utopien eine größere Rolle spielen, als mir manchmal lieb wäre. Das betrifft auch mein eigenes Forschungsobjekt, die (nachhaltige) Landwirtschaft, in deren Kontext „Agrarwende“ ein häufig verwendeter Begriff ist – die einen finden sie notwendig, die anderen halten sie für einen gefährlichen Kampfbegriff. Ohne mich auf eine der beiden Seiten zu schlagen, möchte ich hier fünf Probleme skizzieren, die ich in den Debatten über die Agrarwende sehe. Dabei werde ich mich auf die Debattenseite fokussieren, die den Begriff nicht grundsätzlich ablehnt – insbesondere die häufigen Versuche, Zukunftsvisionen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu skizzieren.

Viele Agrarwenden

Das erste große Problem mit der „Agrarwende“ ist, dass es kein einheitliches Verständnis dieses Begriffs (oder verwandter Begriffe, wie „nachhaltige Landwirtschaft“) gibt. Es gibt viele verschiedene, teils widersprüchliche, oft unterbestimmte Visionen und Bilder dessen, was am Ende einer Agrarwende stehen soll – denn auch wenn der Begriff einen Prozess suggeriert, geht es meistens letztlich um Endzustände (aber dazu gleich mehr). Mal ist es der Ökolandbau, mal die regenerative Landwirtschaft, die ökologisch oder nachhaltig intensivierte Landwirtschaft, das Precision Farming, die Solidarische Landwirtschaft etc. Angesichts der vielen Zielkonflikte kommen verschiedene Gruppen je nach unterschiedlicher Schwerpunktsetzung (bis hin zur Ausblendung mancher Zielkonflikte) zu unterschiedlichen Visionen einer nachhaltigen Landwirtschaft bzw. des Endzustands einer Agrarwende. Hinzu kommt, dass viele der imaginierten post-Agrarwenden-nachhaltigen Landwirtschaften nicht wirklich auf interne Konsistenz hin geprüft werden – passen all die vermeintlich wünschenswerten Elemente wirklich zusammen?

Das Ziel ist der Weg

Wie oben schon angedeutet – obwohl der Begriff „Agrarwende“ einen Prozess des Wandels suggeriert, wird es zwar oft halbwegs konkret, was den erwünschten Endzustand anbetrifft. Unklar bleibt aber üblicherweise der Weg dahin. Das ist insofern problematisch, als wir es hier mit einem komplexen System zu tun haben – die Annahme, dass eine gezielte Transformation dieses Systems hin zu einem klar umrissenen Endzustand möglich ist, ist mindestens mutig, man könnte auch sagen – naiv. Und selbst wenn es ginge, bräuchte man ein sehr gutes Verständnis dessen, wie der Weg dahin aussehen soll – denn wir können nicht mit einer Tabula rasa starten, sondern finden ein über Jahrhunderte „organisch“ entwickeltes sozial–ökologisches Agrarernährungssystem vor, mitsamt Pfadabhängigkeiten und Wechselwirkungen mit anderen Systemen (dazu gleich). Viel wahrscheinlicher ist daher, dass wir vom Zustand A startend einen Zustand B anvisieren, aber in einem Zustand C landen (s. Abbildung). Die Unsicherheiten sind groß, und so können wir nicht wissen, ob die gewünschte nachhaltige Zukunft bspw. kleine autonome Maschinen oder riesige, aber „andere“ Maschinen wie Nexat, eine Rückkehr zur Handarbeit oder noch etwas Anderes bereithalten wird. Vermutlich aber von allem ein bisschen.

Stilisierte Darstellung von Transformationsprozessen: anvisiert (A –> B) vs. realisiert (A –> C).

One-size-fits-all won’t do

Viele Visionen, auch solche, die an sich Diversität betonen, wirken erstaunlich homogen. Vielleicht ist es nicht one-size-fits-all im engeren Sinne, aber es ist eben bspw. kleinbäuerlicher Ökolandbau für alle oder regenerative Landwirtschaft überall. Dabei haben jede Region und jeder Hof ihre eigenen Gegebenheiten, sowohl naturräumlich als auch strukturell. Letztere sind historisch gewachsene Pfadabhängigkeiten (s. oben), die zwar eher veränderbar sind als naturräumliche Gegebenheiten – ob man allerdings z. B. in Ostdeutschland realistischerweise zur kleinbäuerlichen Landwirtschaft mit Familienbetrieben zurückkehren kann und ob dies wirklich wünschenswert wäre, sind zumindest offene Fragen. Die Agrarwende wird in Realität nicht umhin kommen, mit den vorgefundenen Strukturen zu arbeiten, was durchaus bedeuten kann, dass ihr Ergebnis in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich aussehen wird. Mit Tabula-rasa-Fantasien über strukturelle Pfadabhängigkeiten hinwegzudenken erscheint mir hingegen wenig konstruktiv.

Ein System von Systemen

Weiter oben habe ich bereits Zweifel geäußert, ob eine zielgerichtete Transformation komplexer sozial–ökologischer Systeme wie der Landwirtschaft realistisch ist. Neben ihrer eigenen Komplexität kommt hinzu, dass sie nicht im Vakuum operieren, sondern eingebettet sind in größere Systeme bzw. mit zahlreichen weiteren gesellschaftlichen Teilsystemen wechselwirken. Diese entwickeln sich nach ihren jeweils eigenen Logiken, mit ihren jeweils eigenen Dynamiken, was zu Spannnungen und Störungen führen muss. Das können plötzliche technische Innovationen bspw. in der Bioökonomie sein, die oft indirekte, aber gravierende Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben. Das können kriegerische Auseinandersetzungen sein, wie uns der Ukraine-Krieg mit seinen komplexen Konsequenzen für Landwirtschaft und Umweltschutz vor Augen führt. Das kann nicht zuletzt auch der Klimawandel sein, der uns zunehmend bei den Versuchen, die Gesellschaft auf mehr Nachhaltigkeit zu polen, Striche durch die Rechnung macht. Und all diese anderen Teilsysteme werden ihrerseits durch verschiedene Politikbereiche beeinflusst, sodass die Landwirtschaft nicht nur von Agrarernährungspolitik geprägt und verändert wird, sondern indirekt auch von politischen Entscheidungen anderswo. Auch das erschwert eine zielgerichtete Agrarwende sehr und kann sehr schnell neue Zielkonflikte aufkommen lassen.

Radikaler Wandel auf welcher Ebene

Ein weiterer, etwas anders gelagerter Kritikpunkt an üblichen Visionen einer nachhaltigen Landwirtschaft hängt zum einen mit der Frage zusammen, was eigentlich das Ziel einer Agrarwende sein soll, zum anderen mit einer zentralen Eigenschaft komplexer Systeme: der Emergenz. Kurz formuliert geht es um den Irrglauben, dass die Transformation eines komplexen Systems hin zu mehr Nachhaltigkeit zwangsläufig mit radikalen Veränderungen an der „Basis“ (hier: in der Art der Bewirtschaftung, Struktur der Betriebe etc.) einhergehen muss. Ich gehe erstmal davon aus, dass Ökolandbau, kleinbäuerliche Landwirtschaft, Digitalisierung, autonome Maschinen oder Genome Editing nur Mittel zum Zweck sind, und dass dieser Zweck eine Reduktion der negativen Umweltwirkungen der Lebensmittelproduktion auf ein nachhaltiges Maß ist (bei gleichzeitiger Ernährungssicherung auf globaler Ebene). Sie sind also keine Selbstzwecke. Mit anderen Worten: Das Ziel ist ein Wandel auf der Systemebene, d. h. eine Verschiebung des sozial–ökologischen Systems Landwirtschaft in einen anderen, nachhaltigen Systemzustand (s. Abbildung unten für eine grafische Darstellung der Idee). Wir haben es aber mit einem komplexen System zu tun, das durch Emergenz charakterisiert ist – die nichtlineare, oft diskrete (sprunghafte) „Übersetzung“ von Veränderungen auf niedrigeren Ebenen (z. B. Bewirtschaftung in Betrieben) in Veränderungen auf höherer Ebene (z. B. eine ganze Agrarlandschaft). Das bedeutet, dass kleine Änderungen „an der richtigen Stelle“ (sog. leverage points bzw. in der Abbildung unten: social tipping points) für Wechsel in einen neuen Systemzustand reichen können, wohingegen umfassende Änderungen an der „falschen“ Stelle auf der Systemebene ggf. nicht viel bewirken. Mit anderen Worten: Dass wir die Betriebe ganz anders „aussehen“ lassen, heißt noch lange nicht, dass sich dann auf Systemebene Nachhaltigkeit einstellt. Gleichwohl können kleinere, unscheinbare Veränderungen in der Art der Bewirtschaftung dazu führen, dass das System in einen nachhaltigen Zustand „kippt“. Zwar halte ich es für unwahrscheinlich, dass kleine Veränderungen das bewerkstelligen werden, denn der aktuelle nicht nachhaltige Zustand ist durchaus resilient (im Sinne der undesirable resilience). Aber die Botschaft hier ist, dass ein Umkrempeln der Betriebsstrukturen nicht auf eine offensichtliche Art und Weise zum gewünschten Ergebnis auf Ebene des gesamten sozial–ökologischen Systems führen muss.

Wechsel des Systemzustands hin zu Nachhaltigkeit (hier im Sinne der Dekarbonisierung). Quelle: Otto et al. (2020)

Agrarwende ernst nehmen

Die oben skizzierten fünf Probleme sollten nicht als ein strukturkonservatives Plädoyer für (nur) inkrementelle Veränderungen gelesen werden. Ich bin überzeugt, dass eine Agrarwende im Sinne einer umfassenden Transformation des sozial–ökologischen Systems Landwirtschaft hin zu (deutlich) mehr Nachhaltigkeit zwingend geboten ist. Aber das bedeutet nicht, dass die aktuellen Debatten darüber, wie eine Agrarwende aussehen sollte, immer zielführend sind. Zu oft wird starr an einer konkreten Zukunftsvision festgehalten – es scheint weniger um Agrarwende (Weg) denn um Agrarutopie (Ziel) zu gehen. Und während das Ziel häufig an Überbestimmtheit leidet, ist der Weg dahin drastisch unterbestimmt. Es bedarf hier, angesichts der Unsicherheiten und Komplexitäten, deutlich mehr Offenheit. Darüber hinaus ist es meines Erachtens notwendig, die (implizite) Illusion der Planbarkeit einer Transformation aufzugeben. Mithilfe geeigneter Forschungsmethoden, die der Emergenz zumindest grob gerecht werden und verschiedene Szenarien vergleichen, kann man sich der Frage nach geeigneten leverage points nähern – am Ende kommt es in Realität zwar höchstwahrscheinlich trotzdem anders, aber idealerweise vermeidet man so die Verschlimmbesserung der Situation. Zuletzt gilt es im Kontext einer wie auch immer gearteten Agrarwende die Betroffenen mitzunehmen, gerade bei Versuchen umfangreicher Veränderungen. Denn diese Versuche können schiefgehen (s. oben). Und selbst wenn sie erfolgreich sind, wird es im Sinne der schöpferischen Zerstörung Verlierer:innen geben. Doch Stillstand scheint keine Option zu sein – die Herausforderung wird darin bestehen, Zielkonflikte zu minimieren und Verluste bei den Betroffenen abzufedern.

6 Gedanken zu “Wohin mit der Agrarwende?

  1. Agrarwende ist ganz klar ein Begriff sozialer Bewegungen oder aber auch etablierter Institutionen Weg vom schlechten Ist-Zustand, der von problematischen Aktueren verantwortet wurde, hin zu einer neuen Utopie, die getragen ist von neuen und guten Akteuren. Deshalb ist die Klarstellung, das es mehrere „Agrarwenden“ gibt sicher zutreffen: die bäuerliche, die agrarökologische oder die ökoprogressive Agrarwende. Damit ist es eine Art symbolische Legitimation des eigenen Handelns. Ich würde mich der agrarökologischen Utopie zuordnen mit einem Schuss ökoprogressivität 😉

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  2. Zudem möchte ich auf eine durchaus konsistente Vision einer diversifizierten (Agrar-) Landschaft hinweisen: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S016953472100183X

    Dieser Ansatz auf Landschaftsebene lässt sich auch zusammen mit Diversifizierung auf Betriebs- und Ackerebene fortsetzten. Ob das alles positiv und wirtschaftlich ist, ist natürlich unter anbetracht vieler Nutzungsinteressen und der unklaren Zukunft offen.

    Bei der Diversifizierung würde mich besonders grundlegende ökonomische Fragen interessieren, z.B. was die Grundbedingungen und Hindernisse für ökonomische Machbarkeiten sind. Als Beispiel: können sich die relativen Kosten von diversen Wirtschaftsfaktoren so verschieben (lassen), das sich die Wirtschaftlichkeit landwirtschaftlicher Diversifizierung erhöht? Zu diesen Kosten gehören natürlich, Betriebsmittel, wie Dünger Maschinen, Treibstoff, Arbeit und Land. Bernd Andrea diskutiert einige dieser Aspekte in seinem Buch Agrargegraphie, von 183 ab S. 328 😉

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    • Konsistent, ja, allerdings auch recht vage. Außerdem fehlt das, was ich anderswo auch bemängele: Wie kommt man genau dahin? (ist keine Kritik an Tscharntke et al., darum geht es in ihrem Paper ja gar nicht) Bezogen auf Landschaftsdiversifizierung wollten wir ein Biodiversa+-Projekt durchführen, das sich u. a. mit der Frage der Umsetzung auseinandersetzen würde – leider hat es einer der Partner verbockt, wodurch unser 2.-Stufe-Antrag aus formalen Gründen abgelehnt wurde. Nun müssen wir noch warten, bis eine passende Ausschreibung kommt und wir diese wichtige Frage bearbeiten können;-)

      Auf Betriebsebene scheitert Diversifizierung teilweise an der fehlenden Nachfrage für die zusätzlichen Kulturen (siehe Gütschow et al. für diese und weitere Barrieren). Was nur zeigt, wie kompliziert die Sache ist…

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      • Ja wie kommen wir da hin ist wichtig sowohl auf der Ebene der (Agrar-) Politik als auch innerhalb von Betrieben. Sehr schade, das es nicht geklappt hat bei eurem Projekt. In Betrieben haben wir uns das für Mischkulturen ziemlich genau angeschaut. Ich weiß Eigenwerbung stinkt aber trotzdem: „Adoption of Food Species Mixtures from Farmers’ Perspectives in Germany: Managing Complexity and Harnessing Advantages“ https://www.mdpi.com/2077-0472/12/5/697

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  3. Schon der Begriff Wende ist falsch gewählt. Wende bedeutet im Deutschen Umkehr, und das kann mit Agrarwende ja nicht gemeint sein. In Ostdeutschland werden keine Strukturen mehr entstehen, wie sie vor 1945 dort und jetzt im Westen vorhanden und prägend sind. Und im Westen will und wird (ohne Not) niemand wieder so arbeiten wie vor 60 Jahren. Es geht um Weiterentwicklung, meinetwegen auch Transformation. Wenn man aber Familienbetriebsstrukturen als sinnvoll und erhaltenswert erachtet, sollte man mit dem, was man den Menschen zumutet, vorsichtig sein. Großbetriebe mit zig Mitarbeitern und einem Geschäftsfüher kann man „verdonnern“, radikale Maßnahmen zu ergreifen, um einen neuen gesetzlichen Rahmen relativ kurzfristig zu erfüllen. Bei Familienbetrieben, die sich alle in unterschiedlichen familiären und sozialen Phasen befinden, ist das schon fast unmöglich. Das ließ sich in der Vergangenheit immer wieder erkennen, wenn das „Fenster“ für bestimmte Förderungen und Entwicklungen eine Zeit lang offen war und der 50-jährige Senior mit dem 25-jährigen voll ausgebildeten Junior richtig „durchstarten“ konnten. In anderen familiären Konstellation war das dann oft nicht möglich. Außerdem sollte grundsätzlich bedacht werden. Je mehr Vorgaben seitens des Staates erfolgen, um so geringer werden die Prozessinnovationen des Sektor selbst. Zentrale Verwaltungswirtschaften haben sich noch nie durch besondere Kreativität auszeichnen können. Und das, was EU und der Bund mit seinen Beamtenapparaten bisher zustande gebracht haben, ist in seiner Widersprüchlichkeit nicht besonders vielversprechend.

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