Die Grenzen rationaler Argumentation in gesellschaftlichen (und privaten) Debatten

Spätestens seit ich vor ca. 4 Jahren Twitter beigetreten bin, bekomme ich mehr fundamentale, oft erbitterte Debatten, als mir eigentlich lieb ist. Sei es über den Umgang mit der Pandemie, die Notwendigkeit einer Transformation zur Nachhaltigkeit, die Potenziale und Gefahren von Gentechnik oder Atomkraft, die Migrationspolitik… Und immer wieder habe ich den Eindruck, dass die Beteiligten letztlich unvermeidlich aneinander vorbei reden. Denn die eigentlichen Differenzen liegen nicht dort, wo diskutiert wird – an der Oberfläche konkreter politischer und gesellschaftlicher Probleme –, sondern viel tiefer, bei den Grundprämissen, die unseren jeweiligen Weltbildern zugrunde liegen. Das Problem dabei: Während die konkreten Probleme argumentativ „diskutierbar“ scheinen (also: den Eindruck vermitteln, jemand könne „objektiv“ „recht haben“), entziehen sich besagte Grundprämissen einer argumentativen Begründung. Sie sind und bleiben inhärent und unaufhebbar subjektiv, und damit nicht „diskutierbar“.

Besonders in kontroversen Debatten – auf Twitter, in der Talkshow, am Familientisch – werden üblicherweise verschiedene Ebenen vermischt, die unterschiedlich gut dazu geeignet sind, argumentativ „bearbeitet“ zu werden:

  1. Fakten: diese sind relativ gut argumentativ verifizierbar und begründbar; gleichwohl wird es auch hier kompliziert, sobald wir Unsicherheiten über den eigenen sowie den allgemeinen Wissensstand in Betracht ziehen.
  2. Interpretationen von Fakten: hier wird es schon deutlich schwieriger mit argumentativer Begründung und „Objektivierbarkeit“, denn Interpretationen von Fakten, insbesondere Schlussfolgerungen aus Kombinationen verschiedener Fakten werden sehr stark durch den Einfluss von Grundprämissen (Punkt 4), verwischt und damit letztlich aus der argumentativen Ebene gehoben.
  3. Interne Logik und Konsistenz: grundsätzlich ist das wohl der Bereich, in dem es am einfachsten sein sollte, argumentativ zu begründen und die Aussagen des Gegenübers zu entkräften (unter der unrealistischen Annahme auf beiden Seiten herrschender, vollständiger Transparenz über Gründe und Verknüpfungen zumindest).
  4. Grundprämissen: diese treten in Debatten selten direkt zutage; meistens geht es vielmehr um indirekte, teilweise sogar unbewusste Bezüge auf besagte Grundprämissen insbesondere bei der Interpretation und Einordnung von Fakten (bzw. dem, was man als Fakten ansieht). Grundprämissen entziehen sich, wie bereits oben angeführt, einer argumentativen Begründung.

Natürlich wird dieses Idealbild, gerade bei 1 & 3, dadurch verkompliziert, dass wir nicht mit Maschinen, sondern mit Menschen debattieren – sodass der problematische, oft an Leugnung grenzende Umgang mit kognitiven Dissonanzen hinzukommt, genauso wie allgemeine Verständigungsschwierigkeiten, die daraus resultieren, dass Sprache kein perfektes Kommunikationsmedium ist und wir nicht in den Kopf unserer Interlokutor:innen (Gesprächspartner:innen) hineinschauen können, sodass es öfters zu Missverständnissen kommt. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, hätte die Vermischung der vier oben gelisteten Ebenen hohe Kosten: Man verschwendet Zeit, Energie und Nerven aufs „Kratzen an der Oberfläche“, während die eigentlichen Konflikte viel tiefer liegen und die Unterschiede an der Oberfläche, die man unter hohem emotionalen Einsatz diskutiert, lediglich eine mehr oder weniger logische (s. Punkt 3) Konsequenz der Unterschiede in Grundprämissen sind. Diese kann und sollte man feststellen – über sie zu diskutieren und Argumente austauschen zu wollen ist aber recht aussichtslos.

Kurzdefinition einiger philosophischer Begriffe aus dem heutigen Beitrag (Foto aus Nein: A Manifesto von Eric Jarosinski)

Doch was meine ich genau mit „Grundprämissen“? Die meisten von ihnen könnte man als moralische oder „metaphysische“ Überzeugungen beziehungsweise Intuitionen bezeichnen (sie betreffen aber durchaus auch die individuelle Ontologie oder gar Epistemologie). Diese Grundprämissen beantworten fundamentale Fragen wie (die folgende Auswahl ist nicht systematisch oder umfassend, ja recht willkürlich): Ist Tradition ein Selbstzweck? Wie ist das Verhältnis zwischen individueller Freiheit und Gemeinschaftlichkeit? Sind wir zur Solidarität auch jenseits von Reziprozität (Gegenseitigkeit) verpflichtet? Ist die Nation ein relevantes Konzept? Oder Natürlichkeit? Was ist die „Natur“ des Menschen? Gibt es Gott? Was kann als „akzeptables Risiko“ gelten? Etc. Was diese Fragen vereint (so zumindest meine eigene Grundprämisse), ist Folgendes: Auf sie gibt es keine in irgendwelchem Sinne „objektiv“ richtige Antwort. Man kann die eigene Antwort auf diese Fragen nicht argumentativ begründen. Man kann es freilich versuchen, aber letztlich ist die einzig überzeugende Begründung: „weil ich denke, dass es so ist/sein sollte“ bzw., noch etwas einfacher, „isso“.

Was folgt daraus für die oben genannten Debatten über dringende gesellschaftliche Herausforderungen? Und was folgt daraus eigentlich für einen Menschen wie mich, der eigentlich ein großer Anhänger der Idee der deliberativen Demokratie ist, wonach der Habermas’sche „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ zu einer Konvergenz von Überzeugungen und Meinungen führen sollte? Was auf jeden Fall folgt ist, dass der Bereich, in dem der zwanglose Zwang des besseren Arguments relevant ist, womöglich enger ist, als Habermas und andere Denker:innen der deliberativen Demokratie es dachten (s. Punkte 1 und 3, unter Einschränkungen auch 2, oben). Außerhalb dieses Bereichs kann und wird es sehr wohl unüberwindbare „deep moral disagreements“ geben (John Dryzek), die sich dem „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ entziehen.

Also, was tun? Eine vollends zufriedenstellende Lösung kenne ich nicht, womöglich gibt es sie nicht. Meine eigene Herangehensweise kombiniert Ideen zweier Denker: des US-amerikanischen Philosophen Richard Rorty (auf den mich mein Kollege Sebastian Strunz vor Jahren auf diesem Blog aufmerksam gemacht hat) und des indischen Ökonomen und Philosophen Amartya Sen. Rorty plädiert mit seinem Konzept des „liberal ironist“ für die „Überzeugung“ Anderer durch Narrative – in der Sprache dieses Beitrags geht es also darum, die andere Seite von den eigenen Grundprämissen nicht argumentativ zu überzeugen, sondern dadurch, dass die Welt, die sie skizzieren, in welchem Sinne auch immer attraktiver, schöner, lebenswerter erscheint. Man möchte also in einer Welt leben, die diesen Grundprämissen entspricht. Man könnte argumentieren, dass gesellschaftlich–moralischer Fortschritt (z. B. Emanzipation von Frauen, Ächtung von Rassismus) genau so funktioniert – es geht weniger um Argumente und rationale Begründungen, sondern eher um attraktive Narrative. Der Nachteil der Rorty’schen (hier sehr vereinfacht dargestellten) Strategie liegt darin, dass sie eher nur langfristig Wirkung entfalten kann und sich für alltägliche, politische Probleme eher weniger eignet. Und genau hier springt Amartya Sen ein, insbesondere seine Gerechtigkeits„theorie“ (aus dem hervorragenden Buch The Idea of Justice), deren Kern die Idee ist, dass wir trotz aller Pluralität von Grundprämissen in der Lage sein dürften, uns auf der operativen Ebene auf konkrete politische Ziele und Strategien zu einigen, die helfen können, die Welt besser zu machen (was auch immer „besser“ für jede:n Einzelne:n von uns bedeutet). Die Suche nach solchen Gemeinsamkeiten sollte daher im Fokus politischer und gesellschaftlicher Debatten stehen.

Mit dem letzten Absatz habe ich hoffentlich skizzieren können, warum die Lage nicht hoffnungslos erscheinen muss, wenn man meine Grundprämisse akzeptiert, dass Diskussionen über Grundprämissen zwar lustig sein können, aber letztlich nicht zielführend sind (ganz im Sinne des Gary Becker’schen de gustibus non est disputandum). Nichtsdestotrotz erscheint es mir erstrebenswert, in politischen und gesellschaftlichen Debatten mehr Energie in die Trennung der oben genannten Ebenen zu investieren und Diskussionen auf die Ebenen 1 und 3 zu fokussieren – bei gleichzeitiger Offenlegung der jeweils relevanten Grundprämissen, aus denen sich konkrete Ansichten zu Themen wie Nachhaltigkeit oder Migration ergeben (sowie wie sie es tun). Sonst verschwenden wir weiterhin Zeit und reden aneinander vorbei, anstatt im Sinne Amartya Sens zu versuchen, Probleme zu lösen.

Ein Gedanke zu “Die Grenzen rationaler Argumentation in gesellschaftlichen (und privaten) Debatten

  1. Die Beschreibung der 4 Ebenen ist einleuchtend und nachvollziehbar. Aber das Problem liegt nicht in einer „Vermischung“ der Ebenen. Diese 4. Ebene ist vielmehr die individuelle BASIS für jede Diskussion. Sie ist durch die Individualisierung der Gesellschaft, durch „neue“ Erziehungsinhalte, durch „neue“ Werte insgesamt breiter, diffuser, vielfältiger, unübersichtlicher geworden. Diese 4. Ebene bestimmt, welche Fakten ich überhaupt an mich heranlasse, welche Fakten überhaupt kommuniziert werden. Der Begriff „Lückenpresse“ veranschaulicht das Problem z.B. sehr gut. Eine TAZ greift andere Themen auf als die NZZ. Und dann spielt m.E. die individuelle Betroffenheit eine sehr, sehr große Rolle. Was habe ich, was haben meine mir (nicht nur unmittelbar) nahe stehenden Menschen im Einzelfall oder auch perspektivisch zu verlieren? Bei Themen wie Migration, Energieversorgung, Mobilität, Agrarerzeugung wird das aktuell besonders deutlich. Und je größer die „Fallhöhe“ bzw. die Unterschiede bei dieser „Fallhöhe“, umso geringer ist die Chance, Gemeinsamkeiten zu finden. Die Gemeinsamkeiten würden automatisch größer, wenn z. B. eine die Allgemeinheit treffende ernsthafte Versorgungskrise bei Energie und Nahrungsmittel große Teile von Politik und Gesellschaft wieder „erden“ würde, so die Argumentation und Hoffnung mancher Diskutanten im Agrarsektor. Die vorbereiteten Transformationspfade könnten dafür den Beweis liefern.

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