Wie man interdisziplinaritätsfördernde Strukturen verschlimmbessert

Vor einer Weile schrieben Chad Baum und ich einen Artikel über institutionelle und kulturelle Voraussetzungen für erfolgreiche interdisziplinäre Umweltforschung. Dabei hoben wir die Organisationsstrukturen am UFZ als ein positives Beispiel hervor, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit strukturell befördert werden kann. Die kurze Beschreibung des UFZ-Beispiels endete mit einer Fußnote, die auf die damals noch laufende, inzwischen fast abgeschlossene Umstrukturierung verwies, hinsichtlich derer bei uns der Eindruck entstand, als sei sie ein Rückschritt. Aus der jetzigen Perspektive kann ich ruhig sagen: unsere Vorahnung damals war korrekt; die vormals vorbildlich interdisziplinaritätsfördernden Strukturen des UFZ wurden grob verschlimmbessert. Im Folgenden will ich kurz beschreiben, was da schief ging.

Als ich 2013 am UFZ angefangen habe, hatte dort gerade die POF III begonnen, die dritte Periode der sog. Programmorientierten Förderung, in deren Rahmen die Haushaltsfinanzierung der Helmholtz-Gemeinschaft organisiert und verteilt wird. Die POF III endete mit leichter Verzögerung 2021 und im selben Jahr begann die POF IV. Warum das relevant ist? Weil jede neue POF als Gelegenheit, ja Notwendigkeit betrachtet wird, die bisherigen Strukturen an den Helmholtz-Zentren umzukrempeln. Theoretisch, um sie besser zu machen. Manchmal verschlimmbessert man aber eher.

Bevor wir zur Verschlimmbesserung am UFZ kommen, muss man zunächst wissen, dass die Grundstruktur des UFZ disziplinär organisiert ist. Das Zentrum besteht aus ca. 40 disziplinären Departments, die ihrerseits in sechs Themenbereichen gebündelt sind (s. Abbildung). Diese Grundstruktur ist relativ stabil – die Themenbereiche hießen mal Fachbereiche und waren etwas kleiner, es kommen gelegentlich neue Departments hinzu, andere werden umbenannt. Es sind aber meist Änderungen von geringer Tragweite. Die Musik spielt anderswo.

Grundstruktur der UFZ-Forschung (https://www.ufz.de/index.php?de=34208).

Das UFZ ist ausgesprochen interdisziplinär orientiert. Das spiegelt die disziplinär orientierte Grundstruktur nicht wider. In der POF III gab es eine sehr sinnvolle Lösung hierfür – die sogenannten Integrierten Projekte, IPs. Diese lagen strukturell „quer“ zu den Themenbereichen/Departments und waren thematisch orientiert. So gab es eines, das sich mit Energie und Landnutzung befasste; ein anderes bündelte Forschung zu Biodiversität und Ökosystemleistungen; ein weiteres befasste sich mit Gesundheitsthemen; und so weiter. Jede:r wissenschaftliche Mitarbeiter:in des UFZ war einem Department und einem oder mehreren IPs zugeordnet. Die IPs sollten den interdisziplinären Austausch fördern – und auch wenn es nicht in jedem IP reibungslos lief, war es im Großen und Ganzen eine Erfolgsgeschichte. „Mein“ IP (Land-Use Conflicts) war definitiv eine. Dort arbeiteten Ökolog:innen, Politolog:innen, Bodenkundler:innen, Ökonom:innen, Rechtswissenschaftler:innen und Systemmodellierer:innen erfolgreich zusammen. Wir mussten zusammenarbeiten – wollten es aber auch. Dazu gehörte auch voneinander zu lernen, gemeinsam relevante Fragestellungen zu entwickeln und nach den sinnvollsten Methoden zu suchen, um diese zu beantworten. Vieles war den beteiligten Personen zu verdanken, ihrer Offenheit und Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Aber die durch die IPs vorgegebene Struktur half enorm dabei, das große Ganze und die Anderen im Alltagschaos nicht aus den Augen zu verlieren.

Und dann kam die „Reform“. Anstatt die erfolgreichen und etablierten Strukturen leicht anzupassen und zu verstetigen, wurde eine ganz neue Struktur eingeführt, die verrückterweise die gleiche Abkürzung hat – IP. Nur dass es diesmal für „Integrierte Plattform“ steht. Auf den ersten Blick kein ungewöhnlicher Schritt – man benenne etwas um, was eigentlich schon da ist, stelle es etwas anders dar – et voilà! Fertig ist die „Reform“. Normalerweise keine allzu produktive Herangehensweise, wäre es in diesem Fall die bessere Lösung gewesen. Aber nein, die neuen Plattformen-IPs sind strukturell anders als die alten Projekt-IPs. Sie bündeln weiterhin die Forschung über Disziplinengrenzen hinweg – allerdings innerhalb von Themenbereichen. Jeder Themenbereich hat seine eigene Plattform. Wozu braucht man zwei sich perfekt überlappende Strukturebenen? Don’t ask me.

Was nun passiert, ist, dass innerhalb der ziemlich großen Plattformen spezifischere „Projekte“ formuliert werden bzw. größtenteils schon wurden, die tatsächlich thematisch zusammenhängende Forschung bündeln. Allerdings weiterhin primär innerhalb der Themenbereiche. Das führt zu mitunter absurden Parallelstrukturen – beispielsweise gibt es in inzwischen drei verschiedenen Plattformen Projekte, die einen Fokus auf Landnutzung in Agrarlandschaften haben. Gewissermaßen also mein altes IP, zerstückelt und verteilt über drei strukturelle Einheiten. Zum Glück gibt es aus den guten alten IP-Zeiten personelle Überschneidungen – Leute aus anderen Themenbereichen beteiligen sich an „fremden“ Plattformprojekten und schaffen so die Brücken zu ihren jeweiligen Heimatplattformen. Klingt verwirrend? Ist auch so. Wo vorher relativ klare und hilfreiche Strukturen vorlagen, ist plötzlich alles davon abhängig, dass intrinsisch motivierte Menschen die alten Beziehungen und Kooperationen weiter pflegen und dafür sorgen, dass sich Redundanzen und Inkohärenzen trotz der Parallelstrukturen im Rahmen halten. Und nebenbei entstehen informelle „Schattenstrukturen“, um die alte IP-Struktur ab- bzw. nachzubilden, die plötzlich nicht mehr da ist.

Ist die Integration innerhalb der Themenbereiche zumindest besser geworden? Das wird sich zeigen. In meinem Themenbereich gab es ein positives Momentum in diese Richtung, als die POF-IV-Planung losgegangen war. Dieses Momentum kam nach meiner Wahrnehmung inzwischen weitgehend zum Erliegen, was aber auch an der Pandemie liegen kann, die noch nicht etablierten Strukturen für Austausch und Zusammenarbeit generell nicht zuträglich zu sein scheint. Und ja, in meinem Themenbereich tut mehr Austausch und Zusammenarbeit durchaus not. Allerdings ist der Themenbereich auch ein besonderer, weil die Sozialwissenschaften überall „mitmischen“ sollen – die Departments der anderen Themenbereiche hängen thematisch deutlich enger beieinander, sodass ihr Integrationsbedarf womöglich geringer ist. Wie dem auch sei, ändert dies nichts an der Tatsache, dass der eigentlich wichtigeren thematischen Integration über disziplinäre Grenzen hinweg strukturell der Boden entzogen wurde. Eine Verschlimmbesserung par excellence. Die man bis zur nächsten POF-Periode in ca. 5 Jahren vermutlich erstmal nicht los wird.

Ein Gedanke zu “Wie man interdisziplinaritätsfördernde Strukturen verschlimmbessert

  1. Institutionen und ihre Organisationseinheiten spiegeln oft das, was Menschen mit Einfluss in diesen Institutionen für die wichtigsten Aspekte der Wirklichkeit halten bzw. gehalten haben (kognitive Institutionen). Das UFZ macht da sicher keine Ausnahme.

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