Warum ich mich hinsichtlich globaler Studien geirrt habe (teilweise)

Ich hatte schon immer eine recht tief sitzende Skepsis gegenüber globalen Betrachtungen im Bereich der Umweltforschung – sei es das sehr einflussreiche Konzept planetarer Grenzen, globale Analysen von Umweltpolitik, ähnlich groß angelegte Modellierungsstudien oder Costanzas berühmte (und unsinnige) „ökonomische“ Bewertungsstudie der Biosphäre. Stattdessen plädierte ich immer für die weniger größenwahnsinnigen, weniger Nature- oder Science-trächtigen, dafür deutlich detailreicheren und weniger mit problematischen Annahmen behafteten, kontextspezifischen lokalen und regionalen Betrachtungen. Diese machen auch den Großteil meiner eigenen Forschung aus. Und doch komme ich zunehmend zu dem Schluss, dass globale Betrachtungen keineswegs verzichtbar sind – ganz im Gegenteil, all ihren Problematiken zum Trotz sind sie zwingend notwendig. In einer global vernetzten Welt kommt man nicht um sie umhin – allerdings muss klar sein, was sie leisten können und was hingegen kleinerskaligen Studien überlassen werden sollte.

Bevor ich mit meiner widerwilligen Argumentation pro globale Analysen anfange, möchte ich mich bei meinem sehr geschätzten UFZ-Kollegen Ralf Seppelt bedanken – es ist nicht zuletzt sein Verdienst, dass ich globale Analysen nicht einfach „abgeschrieben” habe, sondern gegenüber meiner eigenen Skepsis skeptisch blieb.

Nun, wozu können globale Studien – und dabei denke ich vor allem an Modellierungsstudien, zumal man auf globaler Ebene ohne Modelle nicht viel ausrichten kann – gut sein? Dass sie durchaus eine wichtige Rolle spielen können, ist mir vor nicht allzu langer Zeit besonders klar geworden, als ich über die Nachfragewirkungen der Bioökonomie nachdachte. Die Idee hinter der Bioökonomie (an sich ein Sammelbegriff für unterschiedliche, wenn auch verwandte Konzepte und Ansätze) ist, dass man fossile Rohstoffe durch biogene ersetzt. Mit anderen Worten – statt endliche Ressourcen wie Erdöl, Erdgas und Kohle zu verbrennen oder aus ihnen Materialien zu synthetisieren, solle man nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Algen, Getreide, aber auch Bioabfälle aller Art nutzen, um die gleichen und weitere Produkte herzustellen (Biobrennstoffe, Biomaterialien, Bioplastik…). Oft wird in diesem Kontext der Biotechnologie eine wesentliche Rolle zugeschrieben, die uns erlauben könne, biogene Rohstoffe effizienter zu nutzen. Nun, angesichts der immer drängenderen Herausforderung des Klimawandels kommen wir um irgendeine Form der Bioökonomie wohl nicht umhin – doch die Sache hat einen wesentlichen Haken. Denn wie bspw. globale Schätzungen des HANPP (Human Appropriation of Net Primary Production, dt. menschliche Beanspruchung der Netto-Primärproduktion) oder des ökologischen Fußabdrucks zeigen, nutzen wir bereits jetzt enorme Mengen nachwachsender Ressourcen. Es ist relativ klar, dass bspw. das dicht besiedelte Deutschland kaum in der Lage sein dürfte, seinen bioökonomischen Bedarf selbst zu decken – aber die gewichtigere Frage ist, ob dies global leistbar wäre? Wenn wir alle fossilen Ressourcen durch biogene Ressourcen ersetzen würden, wäre dafür überhaupt genug da? Was wären die Abwägungen und Zielkonflikte, die daraus erwachsen würden? Gerade die ersten beiden Fragen können nur im Rahmen globaler Betrachtungen beantwortet werden.

Eines der großen ungelösten Probleme der Landnutzungspolitik (also bspw. der Agrarumweltpolitik) sind sog. indirekte Landnutzungsänderungen (indirect land-use change, iLUC). Was bringt es schon, dass wir in Deutschland all die Land- und Forstwirtschaft extensivieren und unsere eigenen Landschaften sowie unsere eigene Biodiversität schützen, wenn die „fehlende“ Produktion anderswo stattfindet – möglicherweise mit noch gravierenderen Folgen für Biodiversität und Klima als das, was wir hierzulande vermeiden? Sobald man aber iLUC als ein relevantes Problem erachtet, ist es wichtig zu wissen, was global betrachtet überhaupt leistbar ist – können wir beispielsweise überhaupt überall auf Bio-Landwirtschaft umsteigen? In solchen Situationen können globale Betrachtungen wichtige Randbedingungen liefern – so zeigte kürzlich eine Analyse des „globalen Optionenraums“ für die Bio-Landwirtschaft, dass hier die Versorgung mit Stickstoff der Flaschenhals sein dürfte. Die von mir gesuchte und gewünschte Analyse der globalen Machbarkeit und der „Flaschenhälse“ für die Bioökonomie gibt es hingegen leider noch nicht. Sie wäre aber essentiell, bevor wir mit einer großskaligen Umsetzung dieser Idee loslegen.

Gleichwohl ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass globale Studien recht grobe Informationen über Randbedingungen liefern – was geht, was geht nicht, unter welchen Annahmen geht es (nicht)? Derartige Betrachtungen sind aufgrund der Datenverfügbarkeit, der Komplexität globaler sozial–ökologischer Systeme etc. zwangsläufig fehlerhaft, grob und können nur der Ausgangspunkt sein für kleiner skalige, kontextspezifische Betrachtungen über Zielkonflikte, Abwägungen sowie die Optionen des Umgangs mit ihnen. Denn solange Ralf Dahrendorfs Traum von einer globalen Regierung nicht erfüllt ist, wird Umwelt- bzw. Landnutzungspolitik weiterhin lokal, regional, national und nur ganz selten supranational (z. B. auf EU-Ebene) gemacht. Dort werden Entscheidungen getroffen, die determinieren, was innerhalb des global skizzierten Rahmens passiert. Auf globaler Ebene werden bestenfalls vage Absichtserklärungen à la Aichi-Ziele oder die SDGs formuliert. Die Komplexität der tatsächlichen Entscheidungen übersteigt alles, was wir aktuell im Rahmen von globalen Modellen zu erfassen in der Lage sind. Und genau hier liegt die Gefahr globaler Studien – dass man als Autor:in oder Betrachter:in vergisst, wie zwangsläufig grobschlächtig sie sind, und versucht, Politikempfehlungen aus ihnen zu ziehen. Lasst uns die Hälfte der Welt unter Schutz stellen – die globalen Analysen haben gezeigt, dass es funktioniert! Lasst uns massiv aufforsten, um das Klima zu retten! Das sind nur zwei Beispiele von relativ aktuellen Debatten, deren Ausgangspunkt solche Überinterpretationen globaler Modellierungsstudien waren, bei denen übersehen bzw. vergessen wurde, dass die Welt wesentlich komplexer ist, als die betreffenden Modelle.

Globale Studien, gerade im Kontext des Klimawandels und der Landnutzung, haben ihre raison d’être. Sie können sehr wichtige Informationen über globale Randbedingungen und letztlich den Rahmen liefern, innerhalb derer sich Nachhaltigkeitspolitik bewegen muss und die es zu beachten gilt. Doch ich bleibe dabei: solche globalen Studien sind mit großer Vorsicht und Skepsis zu genießen.

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