Frage ans Publikum: Welche Gründe gibt es für die Sonderbehandlung der Landwirtschaft?

Agricultural Exceptionalism ist ein bereits älteres Konzept (vgl. beispielhaft hier), das auf der Beobachtung gründet, dass die Landwirtschaft seitens der Gesellschaft und des Staates anders behandelt wird als andere Sektoren moderner Volkswirtschaften. Diese „Sonderbehandlung“ hat sich im Verlauf der Zeit gewandelt, die grundsätzliche Gültigkeit dieser Diagnose bleibt jedoch. Verschiedene ihrer Aspekte werden dabei von verschiedenen Akteuren kritisiert – während bspw. Umweltverbände anprangern, dass die Landwirtschaft der einzige Sektor ist, der offen und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit massiv staatlich subventioniert wird, beklagen Bauernverbände, dass sie wie kein anderer Sektor einer Vielzahl Regulierungen ausgesetzt, ja, unterworfen ist. Man könnte ketzerisch behaupten, dass dies zwei Seiten derselben Medaille sind, aber darum geht es mir heute nicht. Mich interessieren die Gründe dieser Sonderbehandlung, des Exceptionalism.

Spontan (mehr oder weniger) fallen mir zwei substantielle Gründe ein:

  1. Die Landwirtschaft stellt wie kaum ein anderer Sektor essentielle öffentliche Güter bereit. Früher war dies insbesondere die Versorgungssicherheit, heute geht es eher um vielfältige Umweltleistungen und den Erhalt von Kulturlandschaften. Diese öffentlichen Güter bedürfen eines staatlichen Eingriffs und können sowohl Subventionen als auch Regulierungen rechtfertigen.
  2. Der Hauptproduktionsfaktor der Landwirtschaft, der Boden, ist inhärent immobil. Natürlich kann landwirtschaftliche Produktion anderswo hin „verschoben“ werden, aber da Boden gleichzeitig absolut knapp ist, zieht die Verschiebung eine Verdrängung nach sich; es ist ein Nullsummenspiel*. Das trifft bspw. auf die Textilproduktion nicht zu, weswegen wir kaum auf die Idee kommen würden, Steuergelder zu verwenden, um uns dauerhaft mit deutschen/EU-Textilien zu versorgen… [Nachträgliche Ergänzung: die Immobilität des Hauptproduktionsfaktors wird relevant in Kombination mit relativen Kostennachteilen – die deutsche/EU-Landwirtschaft ist auf dem Weltmarkt bei vielen Erzeugnissen ohne Subventionen nicht wirklich konkurrenzfähig.]

Darüber hinaus gibt es natürlich Gründe, die ich eher als politökonomisch bezeichnen würde: politische Pfadabhängigkeiten, die Rolle von Lobbyismus und politischen Narrativen (Versorgungssicherheit!) etc.

Nun die Frage an Euch, liebe Leser:innen – was gibt es sonst für Gründe für den Exceptionalism der Landwirtschaft? Ich bin vor allem an substantiellen Gründen interessiert, aber auch politökonomische und ähnliche Argumente höre ich mir gern an. Darüber hinaus nehme ich natürlich auch gern begründeten Widerspruch zu meiner Grundprämisse entgegen – nämlich dass Landwirtschaft substantiell anders behandelt wird als andere Sektoren. Je nachdem, was alles eintrudelt, fasse ich das ggf. irgendwann später in einem gesonderten Beitrag zusammen.

Auf die Plätze, fertig, los!

P.S. Seit ich meine Blog-Beiträge auf Twitter teile, finden die meisten Diskussionen dort statt. In diesem Fall würde ich allerdings Kommentare unter dem Beitrag bevorzugen (tue ich auch sonst, aber hier erscheint es mir wichtiger), denn Twitter ist von Natur aus sehr ephemer und dort geführte Diskussionen gehen schnell verloren (abgesehen von den Limitationen einer Kommunikation, die auf 280 Zeichen basiert).

*Natürlich ist die Landwirtschaft nur an der sogenannten extensiven Grenze (extensive margin) ein Nullsummenspiel, d. h. wenn mehr Land in Anspruch genommen wird, geht dieses Land für andere Nutzungen (landwirtschaftlich oder nicht) verloren; an der intensiven Grenze (intensive margin) sieht es anders aus, denn durch Intensivierung und Effizienzsteigerungen kann aus demselben Stück Land mehr herausgeholt werden, ohne dass dies zwangsläufig auf Kosten von irgendwas anderem gehen würde. Für die obige Argumentation spielt die intensive Grenze aber vorerst keine Rolle (oder?).

Ein in vielerlei Hinsicht exzeptioneller Anblick. (© F. Bartkowska)

4 Gedanken zu “Frage ans Publikum: Welche Gründe gibt es für die Sonderbehandlung der Landwirtschaft?

  1. Zum 2. Pünktlich gehört unbedingt das Wetter, denn dieses bestimmt maßgeblich den Takt in der Landwirtschaft.
    Daher gibt es auch vermeintlich kleine Ausnahmen, wie Arbeiten an Sonn- und Feiertagen und bis spät in den Abend/ die Nacht hinein.

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  2. In unserem Kurs zur Einführung in die Agrarpolitikanalyse identifizieren wir vier Begründungen, die typischerweise angeführt werden, warum eine spezielle Politik für den Agrarsektor benötigt wird:

    – die Landwirtschaft trägt wesentlich zur Ernährungssicherheit der Bevölkerung bei und hat daher eine hohe strategische Bedeutung;
    – Agrarmärkte weisen Besonderheiten (Instabilitäten) auf, welche die Produktion und die Einkommen beeinträchtigen können (im Jahresablauf unflexible Produktionsprozesse, lange Investitionszyklen, sektorspezifische Risiken durch Wetterschwankungen oder Tier- und Pflanzenkrankheiten, Bedeutung von Familienbetrieben, die selbst bei niedrigen Einkommen lange im Markt verbleiben);
    – der Agrarsektor hat verschiedene externe Effekte (vielfältige Wechselwirkungen z.B. mit Public Health oder den Zielen des Umwelt-, Natur-, Gewässer- und Klimaschutzes);
    – dem Agrarsektor wird eine wesentliche Bedeutung für die Entwicklung des ländlichen Raums zugeschrieben.

    Auf Basis dieser Begründungen, die Ausdruck sektorspezifischer Ideen von und für die Agrarpolitik sind, ist es dann nicht selten, dass sich exeptionalistische Institutionen (z.B. spezielle Ressortzuschnitte, Gremien, Verbände) herausbilden, in denen sich produzentenorientierte Interessen durchsetzen und die Einführung und Beibehaltung sektorspezifischer Politikinstrumente (z.B. Direktzahlungen) begünstigen. Die vier Dimensionen (Ideen, Institutionen, Interessen und Instrumente) formieren dann ein mehr oder weniger exzeptionalistisches Politikarrangement.

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  3. Die Subvention der Landwirtschaft hat wenig mit Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt, aber viel mit politischer Erpressbarkeit und ökonomischer Stabilität zu tun. So erschien Russland erst wieder mit Getreideexporten auf dem Weltmarkt nachdem europäische Sanktionen wegen der Krim-Annektion verhängt wurden.
    Die Kaffeekrise der DDR 1977 oder die Auswirkungen der Preissteigerungen 2008, zB auf den Phillippinen, zeigen die hohe Abhängigkeit von Deviseneinnahmen für essentielle Lebensmittelimporte. Mit teurer Eigenerzeugung kann innenpolitische Stabilität gesichert werden, und jeder Staat kann damit einfach an Devisen gelangen.
    Umweltleistungen treten heute zwar mehr ins Blickfeld, waren für Landesherren aber schon immer relevant. Nicht umsonst war auf der 50Pfg- Münze eine einen Eichensetzling pflanzende Frau abgebildet.
    Was Textilien betrifft muss man einfach anerkennen, daß Baumwolle besser ist wie Leinen oder Schafwolle

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