Vor ein paar Tagen hörte ich mir am UFZ einen Vortrag über den Klimaschutzbeitrag an (der kurz danach begraben wurde). In der Diskussion kam die Frage der „Vorreiterrolle“ Deutschlands in der Klimapolitik auf. Einer der Kollegen – ein Professor und gestandener Klimaökonom – sagte sinngemäß, dass die Wirksamkeit der „Vorreiterrolle“ ökonomisch nicht erklärbar sei (was wohl stimmt). Es könne eine politikwissenschaftliche Erklärung geben, aber eine ökonomische gebe es nicht. Damit schien dieser Aspekt der Diskussion für ihn abgeschlossen. Was ich nicht nachvollziehen kann. Ist es wirklich relevant, welche sozialwissenschaftliche Disziplin einen Sachverhalt erklären kann und welche nicht? Anders formuliert: Gibt es eine Sozialwissenschaft, die nur in verschiedene Subdisziplinen eingeteilt ist, welche sich mit verschiedenen Teilaspekten gesellschaftlichen Lebens befassen? Oder gibt es vielmehr mehrere Sozialwissenschaften, die die Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven betrachten und miteinander unvereinbar sind?Weiterlesen »
Die unsichtbaren Polen
Ich habe kürzlich einen recht negativ gestimmten Text über meine sogenannte Heimat geschrieben, mit der ich mich kaum noch identifizieren kann. Nun bin ich heute auf einen Text in der taz gestoßen, der eine völlig andere Sichtweise bietet. Ich muss gestehen, dass ich die Probleme, die die Autorin schildert, nicht wirklich nachvollziehen kann – vielleicht eben, weil ich mich weder für „deutsch“ noch für „polnisch“ halte und eine derartige Identität auch gar nicht wichtig finde… Wie dem auch sei, der taz-Text ist auf jeden Fall lesenswert:
Wer Strebermigranten studieren will, der kann uns als Musterfamilie nehmen. Meine Eltern, beide Ärzte, bekamen Arbeit, wir lernten Deutsch, mein Vater stieg auf, meine Mutter weniger, wir bauten ein Haus. Wir fuhren erst einen Mazda, dann einen BMW, dann einen Chrysler, und später eine Limousine von Audi. Ich besuchte ein humanistisches Gymnasium, lernte Klavier und Ballett, mit Polen wollte ich erstmal nichts zu tun haben, ich ging nach Paris und Rom.
Erst viel später, als ich erwachsener wurde, fielen sie mir auf: all die Polen in Deutschland. Meine Generation, Anfang dreißig, die im Kindesalter mit ihren Eltern eingewandert war. Top integriert, erfolgreich, sie wirkten fast deutscher als die Deutschen. [mehr]
Logische Konsistenz, moralische Intuition und das Trolley-Problem
Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Darf (durch Umlegen der Weiche) der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um das Leben von fünf Personen zu retten?
Nationalparke vs. Biosphärenreservate: Welche Natur Natur sein lassen?
Ich kam kürzlich aus dem Feld zurück, wo ich in drei Fokusgruppen erfahren wollte, was Menschen im Thüringer Wald von Biodiversität und ihrem Wert halten. Als Aufhänger für die Diskussionen nutzte ich Vorschläge, im dortigen Biosphärenreservat neue Flächen unter Totalschutz zu stellen, um die Ziele der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt zu erfüllen. Das Credo der Bewohner des Reservats: Naturschutz und biologische Vielfalt, ja; Totalschutz, nein. Damit widersetzen sich diese Menschen nicht nur der Umsetzung der Biodiversitätsstrategie, sondern auch dem obersten Grundsatz des deutschen Naturschutzes: „Natur Natur sein lassen.“Weiterlesen »
Sozialwissenschaften? Wie isst man das?
Als Mitarbeiter des Fachbereichs Sozialwissenschaften an dem naturwissenschaftlich-technisch geprägten UFZ musste ich mehrmals feststellen, dass die Bedeutung sozialwissenschaftlicher (Umwelt-)Forschung vielen, Laien wie Wissenschaftlern, nicht klar ist. Wozu braucht man das? Wie isst man das? „Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag lang?“Weiterlesen »
Brauchen wir Utopien?
Les utopies apparaissent comme bien plus réalisables qu’on ne le croyait autrefois. Et nous nous trouvons actuellement devant une question bien autrement angoissante: Comment éviter leur realisation définitive? Les utopies sont réalisables. La vie marche vers les utopies. Et peut-être un siècle nouveau commence-t-il, un siècle où les intellectuels et la classe cultivée rêveront aux moyens d’éviter les utopies et de retourner à une société non utopique, moins parfaite et plus libre.
[dt.] Utopien erscheinen realisierbarer als je zuvor. Wir finden uns mit einer neuartigen, besorgniserregenden Frage konfrontiert: Wie sollen wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern? Utopien sind verwirklichbar. Das Leben strebt ihnen entgegen. Und vielleicht wird ein neues Jahrhundert kommen, eines, in dem Intellektuelle und die Bildungsschicht darüber nachdenken werden, wie man Utopien verhindern und zu einer nicht-utopischen Gesellschaft zurückkehren kann, weniger perfekt und dafür freier.
Erben und Gerechtigkeit
Große Nachlässe, wie bspw. der, den Paris Hilton in Aussicht hat, werden oft als ungerecht empfunden. Interessanterweise vereint sich dieser Eindruck Vertreter sehr unterschiedlicher Weltsichten: von dem neoklassischen Ökonomen, Standardlehrbuch-Autor und Google-Chefökonom Hal Varian, über (bedingt) Warren Buffett, bis hin zu einem Freund von mir, einem erklärten Marxisten. Doch ist es wirklich so, dass das Erben, oder zumindest bestimmte Arten (Ausmaße) von Nachlässen, etwas Schlechtes sind?Weiterlesen »
Gibt es einen monetären Wachstumszwang?
Das kommt darauf an. Und ist zudem noch unklar.Weiterlesen »
Meine sogenannte „Heimat“
Ich verbrachte mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens jenseits der Oder-Neiße-Grenze. In dem Land, in dem gerade eine Sichwahl zwischen Konservativ und Sehr Konservativ stattfand, aus der der neue Präsident Andrzej Duda hervorging. Da ich mit meiner tendentiell negativen Einstellung zu meiner „Heimat“ oft auf Verwunderung stoße und Schwierigkeiten habe, sie spontan zu begründen, nehme ich die Präsidentschaftswahl zum Anlass, mich mit dem Thema in Ruhe zu beschäftigen.Weiterlesen »
Initiative Neue Plurale Ökonomik Halle/Saale
Meine Damen und Herren,
mit Freude teile ich Ihnen mit, dass in Halle eine Lokalgruppe im Netzwerk Plurale Ökonomik gegründet wurde;-) Diese hat nun auch eine Internetseite: https://blogs.urz.uni-halle.de/pluraleoekonomik/ Bisher befindet sich diese Seite noch im Aufbau, sie wird aber bald aktuelle Informationen über die Aktivitäten der Initiative Neue Plurale Ökonomik Halle/Salle enthalten.
Eine Bemerkung noch zum Namen, für die ich gern Heinrich Böll paraphrasieren würde (man findet das ursprüngliche Zitat auf der ersten Seite von Die verlorene Ehre der Katharina Blum): Sollten sich bei dem Namen gewisser Organisationen Ähnlichkeiten mit dem Namen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.