Förderung von Carbon Farming: Eine sinnvolle Strategie?

In zahlreichen aktuellen politischen Dokumenten liest man, wie wichtig Carbon Farming als eine sogenannte Negativemissionstechnologie sei. Da Negativemissionen (also Prozesse, die der Atmosphäre Treibhausgase entziehen – genau das Gegenteil dessen, worin wir Expert:innen sind) laut Modellrechnungen zur Erreichung von Klimazielen unentbehrlich sind, ist das nur verständlich. Doch die Frage stellt sich, wie zielführend bzw. aussichtsreich verschiedene Ansätze zur Förderung von Carbon Farming sind.

In der EU begann der Carbon-Farming-Hype wohl mit der Farm-to-Fork-Strategie (offizieller deutscher Titel: „Vom Hof auf den Tisch“), einer der ersten im Rahmen des ambitionierten European Green Deal erlassenen bzw. neuformulierten Strategien. Dort wird Carbon Farming erstmal nur detailarm als ein wichtiges „Geschäftsmodell“ für die Landwirtschaft erwähnt. Außerdem findet sich ein Verweis auf die Möglichkeit, Carbon Farming über die Eco-Schemes zu fördern – ein zu jenem Zeitpunkt noch nicht ausgegorenes Instrument der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die eigentlich 2021 in Kraft treten sollte und nun 2023 dran ist. Und siehe da – in der von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Liste möglicher über Eco-Schemes zu fördernder Praktiken findet man einen Abschnitt „Carbon Farming“ (s. Screenshot weiter unten bzw. das Dokument hier). Leider weiß man aktuell noch nicht, ob und, falls ja, wie genau diese Praktiken hierzulande über die Eco-Schemes gefördert werden. Deutschland, wie ein Großteil der EU-Mitgliedsstaaten, hinkt der eigentlich am 31.12.2021 abgelaufenen Deadline zur Einreichung von Strategischen Plänen zur nationalen Umsetzung der GAP hinter.

Ende 2021 bekam der Carbon-Farming-Hype noch einmal einen mächtigen Schub, nämlich als erst die neue Bodenschutzstrategie am 17. November und dann, am 15. Dezember, eine Mitteilung (sog. Communication, COM) mit dem Titel „Sustainable carbon cycles“ zum Thema Negativemissionstechnologien von der EU veröffentlicht wurden. Entscheidend, weil vergleichsweise konkret, ist dabei die Mitteilung, innerhalb derer Carbon Farming ein zentrales Element ist. Der Hintergrund ist, dass die EU 2050 klimaneutral sein soll – und da ein Herunterfahren jeglicher Emissionen auf 0 kaum möglich ist, bedeutet das, dass Restemissionen durch Negativemissionen ausgeglichen werden müssen. Daher will die Kommission bis 2028 allen Landnutzer:innen Zugang zu Emissions- bzw. Sequestrierungsdaten über ihre Flächen geben (was sehr ambitioniert ist); und noch bis Ende des laufenden Jahres 2022 soll ein Vorschlag für einen Regulierungsrahmen für Negativemissionen ausgearbeitet werden. Dabei geht es speziell bei Carbon Farming insbesondere um ein Zertifizierungssystem, mithilfe dessen Landwirt:innen dafür entlohnt werden, auf ihren Flächen zusätzlichen Kohlenstoff zu binden.

Das Problem dabei? So ein Zertifizierungssystem kann nach dem aktuellen Wissensstand nicht wirklich funktionieren. (Spoiler: hoffnungslos ist die Sache dennoch nicht.)

Aber der Reihe nach. Tatsache ist, dass Böden enorme Mengen Kohlenstoff speichern. Die im Kontext der Pariser Klimakonferenz 2015 ins Leben gerufene 4per1000-Initiative basiert auf der Berechnung, dass eine jährliche Steigerung der in Oberböden (bis 30–40 cm unterhalb der Oberfläche) weltweit gespeicherten Kohlenstoffmenge um durchschnittlich 4 Promille (0,4%) der aktuellen Bestände ausreichen würde, um die Gesamtheit der jährlichen anthropogenen Treibhausgasemissionen auszugleichen. Auf einem Hektar kann in einem typischen Ackerboden in Deutschland realistischerweise etwa so viel Kohlenstoff gespeichert werden, wie ein durchschnittliches Auto ausstößt, wenn es wöchentlich 250 km fährt (diese Rechnung basiert auf recht vielen Annahmen, sodass man sie eher als eine Schätzung der Größenordnung interpretieren sollte, nicht als genauen Wert). Bei der Wiedervernässung von Mooren sind die Klimaschutzvorteile noch viel größer. Es klingt also, als hätte Carbon Farming sehr großes Klimaschutzpotenzial.

Das Problem dabei? Aktuell sind Ackerböden in der EU eine Quelle von Treibhausgasen, keine Senke. Und das wird in der Zukunft nicht besser – die Kombination aus gegenwärtiger Management-Praxis und dem Klimawandel führt laut Modellprojektionen für Deutschland (bspw. hier und da) dazu, dass die Kohlenstoffbestände stark abnehmen. Laut einer der beiden zitierten Studien müsste die Einbringung von Kohlenstoff in Deutschland im Schnitt um 50–100% zunehmen, damit die Bestände konstant bleiben (in Projektionen bis 2099). Und so wenig die oben erwähnten +0,4% C jährlich klingen mögen – in einer Studie für Bayern wurde gezeigt, dass dieses Ziel unter Annahme erprobter Management-Änderungen (insb. Zwischenfrüchte und Agroforst) nicht erreichbar ist.

Natürlich hat der 4-Promille-Wert vor allem eine symbolische Bedeutung. Es kann nicht darum gehen, alle heutigen Emissionen durch Kohlenstoffbindung in Böden auszugleichen. Ein generelles Problem von Negativemissionstechnologien (sei es Carbon Farming, großskalige Aufforstung oder Carbon Capture and Storage, CCS) besteht darin, dass sie immer die ethische bzw. politische Gefahr in sich bergen, von der Notwendigkeit von Emissionsreduktionen abzulenken. Im Sinne der sogenannten carbon management hierarchy sollten Negativemissionen, ähnlich der Reduce-Reuse-Recycle-Hierarchie, immer eine Lösung für Restemissionen sein – und nicht ein Ersatz für ambitionierte Emissionsreduktionen.

Trotz alledem kommt man nach aktuellem Stand der Dinge nicht um Negativemissionstechnologien herum, wenn man allgemein anerkannte Klimaziele einhalten will. Dazu zählt auch Carbon Farming, das durchaus das Potenzial hat, in bescheidenem Maße Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu binden. So sprießen auch seit einiger Zeit Privatunternehmen aus dem Boden, die sog. Humuszertifikate verkaufen wollen. Die grundsätzliche Idee dahinter: Landwirt:innen verpflichten sich, auf ihren Flächen den Bodenkohlenstoff- bzw. Humusgehalt zu steigern, wodurch sie Zertifikate generieren, die dann an Dritte verkauft werden – Unternehmen oder Privatpersonen, die einen Teil ihrer Emissionen damit ausgleichen wollen. Unternehmen wie Klim, CarboCert oder Indigo dienen dabei als Vermittler und stellen die Zuverlässigkeit der Zertifikate sicher. So zumindest die Theorie.

Die Herausforderungen beginnen bereits bei der Messung der gebundenen Kohlenstoffmenge, die sehr aufwendig ist (eine umfangreiche Sichtung der relevanten Erwägungen findet man hier). Es gibt Versuche, dies statt über im-Feld-Messungen durch Modellierung zu lösen; hier sind die Unsicherheiten aber noch um ein Vielfaches größer. Doch um eine nachhaltige Klimawirkung zu erzielen, müssen Carbon-Farming-Maßnahmen vor allem folgende zwei Bedingungen erfüllen (und Zertifikatssysteme müssen diese garantieren können):

  • Zusätzlichkeit: die Kohlenstoffbindung muss zusätzlich sein, d. h. sie darf nicht durch eine einfache Verlagerung von Kohlenstoff zwischen verschiedenen Orten erfolgen (z. B. Gründüngung, Biokohle aus Frischholz), darf nicht zu erhöhten Emissionen anderswo führen (z. B. durch Extensivierung und die damit einhergehende indirekte Landnutzungsänderungen) und, bezogen speziell auf die Zertifikate, muss wegen der Zertifikate erfolgt sein (Vermeidung von Mitnahmeeffekten).
  • Dauerhaftigkeit bzw. Langfristigkeit: die Bindung von Kohlenstoff in Böden erfordert eine Veränderung in der Bodenbewirtschaftung; sie ist umkehrbar – werden die Carbon-Farming-Maßnahmen wieder aufgegeben, führt dies recht schnell zu einer erneuten Freisetzung des zwischendurch gebundenen Kohlenstoffs; die Klimawirkung ist dann zwar nicht 0, aber sehr gering. Zertifikate müssten eigentlich die Speicherung des Kohlenstoff in die Ewigkeit sichern, zumindest aber auf Jahrzehnte.

Gerade Dauerhaftigkeit ist nach dem heutigen Wissensstand wegen der Umkehrbarkeit eigentlich nicht garantierbar. Sie ist weder rechtlich noch praktisch sicherzustellen. Eine Ausnahme bildet hier womöglich die Einbringung von Pyrolyse-Pflanzenkohle in den Boden, da es sich hier um eine sehr stabile Kohlenstoffform handelt. Allerdings ist deren Potenzial beschränkt, weil sie mit Ausnahme der Verwendung von biogenen Reststoffen mit anderen Nutzungen in Konflikt steht (und auch bei Reststoffen/Abfällen gibt es womöglich Konflikte bspw. mit der Herstellung von biogenen Materialien). So gesehen sind schon private Zertifikatslösungen mit großer Vorsicht zu genießen, die aktuell nicht „offiziell“ als Emissionsreduktionen zählen – sie können beispielsweise nicht im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems genutzt werden.

In ihren vielen Carbon-Farming-Äußerungen betont die Europäische Kommission zwar, dass sie sich dieser Probleme bewusst ist – trotzdem hält sie an der Entwicklung eines Zertifizierungssystems fest. Wie dieses funktionieren soll, ist aktuell allerdings völlig unklar. Zwar hält sich die Kommission in „Sustainable carbon cycles“ ein Türchen offen, indem sie die Entlohnung über Zertifikate auch „handlungsorientiert“ (auf Basis der Umsetzung konkreter Praktiken, anstatt einer Messung von Veränderungen in C-Gehalten; ähnlich macht es der deutsche Start-up Klim). Aber auch dieser Ansatz würde das Problem der Dauerhaftigkeit nicht lösen und zu erheblichen Ungenauigkeiten führen.

Natürlich heißt all dies nicht, dass Carbon Farming als solches eine schlechte Idee wäre. Ganz im Gegenteil. Allerdings ist es zu bezweifeln, dass es auf Basis der erhofften Klimawirkung entlohnt werden kann. Die meisten Carbon-Farming-Praktiken bringen aber nicht nur hinsichtlich des Klimaschutzes Vorteile. So kann Pyrolyse-Pflanzenkohle bspw. als Futterzusatz Methan- und anschließend durch Einbringung in den Boden Lachgasemissionen reduzieren. Humusaufbau hat zahlreiche Vorteile hinsichtlich der Fruchtbarkeit von Böden, aber auch ihrer Resilienz gegenüber Klimaveränderungen und extremen Wetterereignissen (insb. Dürren). Während die Klimawirkung ein öffentliches Gut darstellt, das ohne staatliche Förderung nicht in ausreichendem Maße bereitgestellt wird, sind die Co-Benefits des Carbon Farming im Interesse der Betriebe. Auch ist Klimaschutz nicht das einzige relevante Klimawirkung – auch Hecken können in ihrer Biomasse sehr hohe C-Mengen speichern, gleichzeitig sind sie für den Biodiversitätsschutz zentral. Und bei ihrer Pflege fällt Biomasse an, die man potentiell zu Pflanzenkohle pyrolosieren könnte.

Natürlich gelten die Vorteile nicht immer in gleichem Maße – wie alles in der Landwirtschaft, sind auch sie standortabhängig. Und es gibt sicherlich nicht nur Synergien, sondern auch Zielkonflikte, wie im Falle der erwähnten Nutzungskonflikte bei der Verwendung von Biomasse für die Herstellung von Pflanzenkohle. Daher sollte sich die Förderung und Anreize, die Landwirt:innen das Ausprobieren und den Einstieg in Carbon Farming schmackhaft machen sollen, nicht unnötig auf ein Ziel wie Klimaschutz versteifen. Landwirtschaft ist multifunktional und das sollte sich in Instrumenten der Agrarumweltpolitik widerspiegeln. In diesem Sinne können die oben erwähnten Eco-Schemes ein guter erster Schritt sein. Nur wird es mit dem bereits in der F2F-Strategie erwähnten, auf Klimaschutz fokussierten Geschäftsmodell schwierig. Glücklicherweise ist die Klimawirkung der meisten unter Carbon Farming laufenden Maßnahmen nicht ihr einziger Vorteil. Daher könnten Anreize zur Umstellung (z. B. Investitionsunterstützung oder Veränderungen in den allgemeinen Rahmenbedingungen, z. B. hinsichtlich der Nachfrage nach tiefwurzelnden und Dauerkulturen) ausreichend sein. Dann könnten die Klimawirkungen zu einem Co-Benefit der Klimaanpassung, der Biodiversitätsschutzes oder der Landschaftspflege werden, anstatt anders herum.

Dieser Beitrag entstand im Kontext meines Auftritts im DLG-Podcast Landwirtschaft, in einem Beitrag zum Thema „Pflanzenkohle als CO2-Senke – Potential für den Treibhausgas-Emissionshandel?“ (Folge 13). Einige inspirierende Gedanken nahm ich auch beim DAFA-Workshop „Carbon Farming““(aus der Reihe Landwirtschaft im Klimawandel) mit. Zuletzt lernte ich viel über das Thema von Kolleg:innen, mit denen ich an der Weiterentwicklung des BonaRes-Papiers „CO2-Zertifikate für die Festlegung atmosphärischen Kohlenstoffs in Böden: Methoden, Maßnahmen und Grenzen“ arbeite.

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