Über die Schwierigkeit, eine Meinung zu haben

Nie znam się, ale się wypowiem.

„Ich kenne mich nicht aus, ich möchte aber eine Meinung äußern.“ (notabene: ein schönes Beispiel für die mich immer wieder faszinierende Umständlichkeit der deutschen Sprache) Nicht nur in Polen, wo dies inzwischen ein geflügeltes Wort geworden ist, ist dieses Phänomen insbesondere in politischen Debatten und in sozialen Medien verbreitet. Gerade bei kontroversen Themen – Ernährung, Klimaschutz, Bildung und Erziehung, Landwirtschaft, Finanzwirtschaft – äußern wir uns häufig auf Basis sehr selektiven und oberflächlichen, manchmal schlicht falschen Wissens. Wenn mit für unsere Meinung „problematischen“ Informationen konfrontiert, tendieren wir dazu, diese kognitive Dissonanz durch Ablehnung und kramphaftes Festhalten an unserer „Wahrheit“ aufzulösen. Doch selbst, ja gerade, wenn wir uns bemühen, offen zu bleiben, und eine Bereitschaft, unsere Meinung zu ändern, an den Tag legen wollen – stehen wir vor großen Herausforderungen, überhaupt noch so etwas wie eine Meinung haben zu können.

Die moderne Gesellschaft ist inhärent komplex. Ebenso komplex sind die in sie eingebetteten technologischen Systeme, die sie steuernden Institutionen sowie die sie umgebenden und durchdringenden Ökosysteme. All diese Teilsysteme wechselwirken zudem. Und als ob das nicht genug wäre, sind wir Menschen inhärent ignorant. Salopp ausgedrückt: wir haben keinen Plan. Das zeigt sich nach meiner Wahrnehmung besonders häufig im Bereich der Ernährungswissenschaft, wo man immer wieder widersprüchliche Empfehlungen hinsichtlich beispielsweise des Salz- oder aktuell des Rotfleischkonsums liest und hört. Fakten sind oft unklar und bedürfen der Interpretation – selbst wenn man bestimmte Fakten für bare Münze nimmt (was in vielen Fällen schwierig ist, weil sie mit Unsicherheiten belegt sind), bedürfen sie der Interpretation und Bewertung. Ist das laut WHO mit dem Glyphosat einhergehende Krebsrisiko so hoch, dass ein Verbot dieses Herbizids gerechtfertigt ist? Wie wägt man es ab mit den Problemen und Herausforderungen, die mit alternativen Unkrautvernichtungsmethoden einhergehen? Oder, um den akuten Anlass meines heutigen Beitrags zu nehmen – ist die Wahrscheinlichkeit, dass schnelle Brüter die mit ihnen verbundenen Hoffnungen erfüllen, groß genug, um Atomkraft im Kontext der aktuellen Klimaschutzbemühungen ernst zu nehmen? Und wie ist es mit der Gentechnik, heutzutage insbesondere Genome Editing – kann man davon ausgehen, dass es sicher genug ist und dass die potenziellen Vorteile gegenüber eigentumsrechtlichen Herausforderungen und ethischen Bedenken überwiegen? Ist Genome Editing mit nachhaltigen Anbausystemen vereinbar – und gehört Ökolandwirtschaft dazu? Und wie geht man dabei damit um, dass die meisten Menschen Gentechnik ablehnen? Ist die Einstellung der Mehrheit ein relevantes Argument in politischen Debatten? Und noch ein anderes Beispiel: ist Greta Thunbergs Popularität eigentlich eine gute Entwicklung? Einerseits verschafft sie den dringenden Fragen des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel ganz offensichtlich viel notwendige Aufmerksamkeit. Andererseits zeitigt die Fokussierung auf ihre Person Symptome des Personenkultes auf der einen Seite der Debatte („Let’s make the world Greta again!“), während sie für die andere Seite eine gute und „einfach zu bedienende“ Zielscheibe ist, die vom eigentlichen Problem ablenken kann…

Dies sind nur einige Beispiele für wichtige öffentliche Debatten und Fragen, mit denen ich mich selbst herumschlage – und bei denen es mir sehr schwer fällt, mir eine halbwegs klare und gefestigte Meinung zu bilden. Manchmal fehlt es mir an Wissen und Zeit, notwendiges Wissen zu erlangen (zumal es nicht einfach ist, bei komplexen Fragen relevantes und verlässliches Wissen zu identifizieren); manchmal ist die Interpretation der Fakten die Herausforderung – wie wäge ich zwischen Vor- und Nachteilen ab, was sind eigentlich die Ziele, an denen ich Maßnahmen, Ideen und Vorschläge messe bzw. messen sollte…? Im Endeffekt läuft es auf drei Auswege aus dem Dilemma heraus:

A. Man ignoriert das eigene Unwissen und hat trotzdem eine (feste) Meinung („Nie znam się, ale się wypowiem.“). Dies ist eine so häufige wie wenig zufrieden stellende (eigentlich nur scheinbare) Lösung des Dilemmas.

B. Man bildet sich Meinungen wohlwissend, dass sie zum großen Teil auf (bestenfalls) Halbwissen basieren, und ist jederzeit bereit, sie zu verifizieren, wenn man mit neuem relevanten Wissen konfrontiert wird, das der bisherigen Meinung widerspricht. Diese Herangehensweise ist löblich, aber enorm anstrengend – man wird ständig mit anderen Meinungen und Argumenten konfrontiert, die man sorgfältig prüfen und auf deren Grundlage man das eigene Weltbild anpassen müsste. Damit wären die eigenen Meinungen potenziell im ständigen Fluss – dabei ist es für uns Menschen identitätsstiftend, zumindest zu besonders wichtigen Themen feste Meinungen zu haben, weil wir uns über diese definieren. Man könnte natürlich sagen, dass „fundamentale“, z. B. ethische Prinzipien hier ausreichend sein sollten – an diesen hält man fest, alles andere bleibt „ohne Gewähr“. Doch angesichts der Schwierigkeiten, von fundamentalen Prinzipien auf konkrete, pragmatische Fragestellungen zu schließen, sowie aufgrund der Herausforderungen, sich ein kohärentes ethisches Weltbild zu bilden, ist auch dieser Ansatz nicht wirklich zufrieden stellend.

C. Man akzeptiert, dass man zu vielen Themen keine auch nur ansatzweise gefestigte Meinung haben kann – und versucht, situativ mit den Argumenten und dem Wissen zu operieren, das einem gerade zur Verfügung steht. Dies ist die Situation (eher denn eine bewusste Strategie), in der ich mich selbst zurzeit befinde. Auch sie ist recht anstrengend – denn Meinungen sind unter anderem auch ein strukturbildendes Instrument. Wir bilden uns Meinungen zu bestimmten Themen und Komplexen von Themen, um unser Wissen zu strukturieren und nicht ständig vom Neuen in Beziehung zueinander bringen zu müssen. Wenn diese Struktur fehlt, kann das dazu führen, dass man Diskussionen und Auseinandersetzungen ausweicht (dies und Folgendes ist eine introspektive Erkenntnis, ohne Anspruch auf Generalisierbarkeit), ja in eine Art Apathie oder einen „Rückzug ins Private“ verfällt – was gerade heutzutage, in einer Welt, in der viele wichtige und potenziell langfristig prägende Entscheidungen auf demokratischem Wege getroffen werden müssen, eine höchst unerwünschte Einstellung ist.

D. Eine letzte Möglichkeit, die mit B recht eng verwandt ist: man bildet sich Meinungen, wohlwissend, dass sie nicht endgültig und vermutlich größtenteils nicht „richtig“ sind (sofern man hier überhaupt von objektiver oder auch nur subjektiver „Richtigkeit“ sprechen kann), und verteidigt sie entsprechend in Diskussionen, sowohl im privaten als auch öffentlich-politischen Kontext. Wenn es offensichtlich wird, dass man sich irrt, ändert man seine Meinung – ansonsten geht man allerdings ähnlich vor, wie Imre Lakatos in seiner Wissenschaftstheorie den Wandel von „Forschungsprogrammen“ beschreibt. Man hält an seiner Meinung so lange fest, bis man sich eine „bessere“ Meinung gebildet hat. All dies immer in dem Wissen, dass man sich irren kann – an sich sowieso ein löbliches „Millsches Prinzip. Dabei hilft wohl die Erkenntnis, dass es keine Katastrophe ist, wenn man mit seiner Meinung falsch liegt – unter anderem dafür haben wir die Demokratie, dass sie die „Fehler“ Einzelner ausbügelt und neutralisiert (zumindest solange nicht größere Gruppen demselben Irrglauben zum Opfer fallen – mit einer verbreiteten „Mill’schen“, selbstkritischen Einstellung dürfte diese Gefahr jedoch relativ gering sein). Auch keine einfache Herangehensweise, doch vielleicht ein Kompromiss zwischen der Beständigkeit von A und der Ehrlichkeit von B und insbesondere C…

Ich schätze, ich sollte auf D hinarbeiten. Einfach ist es nicht, denn es setzt voraus, dass man akzeptiert, gegebenenfalls schlecht begründete Meinungen zu haben. Aber keine Meinung zu haben ist auch keine Lösung.

P.S. Ich freue mich über Vorschläge weiterer Strategien und sonstige Hinweise, wie man mit der Meinungsbildung in einer komplexen Welt vorgehen sollte.

6 Gedanken zu “Über die Schwierigkeit, eine Meinung zu haben

  1. Zwei Anmerkungen nur dazu:
    1. Vielleicht sollte noch zwischen Meinungen erster und zweiter Ordnung unterschieden werden. Meinungen erster Ordnung leiten sich von Meinungen zweiter Ordnung her. So kann ich persistent Sozialist sein, aber meine daraus abgeleitete Meinung zur Lösung der Wohnungsfrage anpassen. Demnach ist es gar nicht soschwierig eine starke Meinung zweiter Ordnung zu haben, was Entwicklungsprozesse nicht ausschließt.

    2. Mir scheint, dass du zwei Ebenen vermengst bzw. die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Politik, die beide nach eigenen Logiken operieren, verwischst. Deine Ausführungen lesen sich, als ob du die Systemlogik der Wissenschaft auf die Politik und deiner Rolle als Staatsbürger überträgst. Es geht aber in der Politik nicht um Wahrheit, sondern um Interessen und die Macht, die Interessen durchzusetzen. Für mich bedeutet dass, zu einem bestimmten Thema klare Bedingungen zu stellen bzw. eine klare Meinung zweiter Ordnung zu haben, aber im Detail offen für Evidenz zu sein. Soll heißen, dass ich offen bin Vorschläge und Einwände zur/gegen einen Mietendeckel, solange sie sich letztlich im Interesse der finanzschwachen Mieter:innen sind. Im Zweifelsfall vertraue ich Expert:innen, die eine ähnliche Meinung zweiter Ordnung haben. Denn auch Erkenntnis ist nicht wertfrei.

    Meine Meinung!

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    • Der springende Punkt ist: Es geht nicht darum, als Staatsbürger die richtige Lösung auf alle Fragen zu haben, sondern die Kräfte zu unterstützen, die die Gesellschaft in die richtige Richtung bewegen.

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      • Und woher weiß ich, welche Richtung die richtige ist? Um ein persönliches Beispiel zu nennen, unter Verwendung deiner eigenen Kategorien: ich stimme den Grünen hinsichtlich ihrer „Meinungen zweiter Ordnung“ weitgehend zu. Aber in vielen Kontexten finde ich ihre „Meinungen erster Ordnung“ falsch; und damit stellt sich durchaus die Frage, ob ich sie unterstützen sollte.

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    • Hmmm… Ich müsste über deine Einwände länger nachdenken, spontan aber ein paar Punkte:

      1. Grundsätzlich hast du Recht, dass meine Überlegungen auf „Meinungen zweiter Ordnung“ nur bedingt zutreffen. Allerdings weiß ich nicht, ob jeder so etwas hat (ich bin mir nicht sicher, ob ich es habe). Außerdem ist eine Meinung zweiter Ordnung, sofern ich das Konzept verstehe, nicht ohne Weiteres handlungsleitend – und damit für mein Dilemma recht irrelevant. Was bringt es mir, zu wissen, dass ich Sozialist oder Konservativer bin, wenn ich nicht weiß, wie ich mich zu einer konkreten Frage verhalten soll?

      2. Dass Politik und Wissenschaft unterschiedlichen Logiken folgen (sollten), ist erstmal eine Meinung, der ich eher nicht zustimmen würde. Zudem geht es mir gerade darum, dass Werte (oder Interessen) ebenfalls nicht per se handlungsleitend sind – sie werden es erst in Kombination mit Fakten (oder dem, was wir für Fakten halten). Womit wir wieder bei meinem Dilemma wären;-)

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      • zu 1.: Es ist indirekt handlungsleitend, weil es die Optionen einschränkt, wie man sich zu einer konkreten Frage verhalten kann. Als Sozialist ist es naheliegend mit Enteignung auf die Wohnfrage zu reagieren, als Konservativer ist das undenkbar.
        zu 2.: Ich habe auch nicht den Anspruch formuliert, das Dilemma aufzulösen, denn das wird nicht gehen. Aber es erscheint mir auch nicht unmöglich, eine starke Meinung zu haben. Auch Bedingungen an eine Lösung zu formulieren ist eine starke Meinung. Nur darauf wollte ich hinaus. Im Rahmen dieser Bedingungen gibt es weiterhin keine Gewissheit, was der richtige Weg zum richtigen Ziel ist.
        Vielleicht hilft es ja, das mal an deinem Beispiel der Grünen konkret durch zu diskutieren. 😉

        Gefällt 1 Person

        • Es sollte kein Unmöglichkeitstheorem sein – das überlasse ich den Arrows und Sens dieser Welt;-) Mir ging es bloß darum, dass es sehr schwierig sein kann, eine konkrete, „positive“ Meinung zu haben (ja, du hast recht, eine „negative“ Meinung ist oft einfacher).

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