Der Ziegeneffekt und Glücksforschung

Eines Tages kommt Mosche zum Rabbiner und sagt: „Rabbi, hilf mir! Du weißt, ich habe eine große Familie, aber ein kleines Häuschen mit nur einer Stube. Ich weiß nicht mehr, wie ich das aushalten soll! Die Kinder sind laut, die Frau ist laut, es ist eng… Ich werde noch wahnsinnig!“ Der Rabbiner überlegt kurz und sagt: „Mosche, du hast doch eine Ziege. Lass sie aus ihrem Verschlag in euer Haus umziehen. In einer Woche komm noch einmal zu mir.“ Mosche erscheint der Vorschlag absurd, aber er weiß um die Weisheit des Rabbiners, also geht er nach Hause und tut, was ihm gesagt wurde. Eine Woche später kommt er völlig erschöpft und nahe am Nervenzusammenbruch zum Rabbiner: „Rabbi, das war ja schon vorher schlimm, aber mit der Ziege ist es nicht mehr auszuhalten! Die ist noch viel lauter als die Kinder und macht alles kaputt!“ Der Rabbiner antwortet: „Nun, Mosche, geh nach Hause und bring die Ziege zurück in ihren Verschlag.“ Einen Tag später kommt Mosche zum Rabbiner angerannt und ruft bereits von der Türschwelle: „Rabbi, du bist ein Genie! Seit die Ziege weg ist, ist es wieder so unglaublich ruhig und entspannt!“

In meiner Familie wird das Phänomen, das in dem oben zitierten Witz beschrieben wird, schlicht der „Ziegeneffekt“ genannt. Man könnte ihn aber auch hochtrabend als „dynamische Anpassung von Erwartungen“ bezeichnen. Unabhängig von der Nomenklatur hat dieser in der realen Welt recht verbreitete Effekt interessante Folgen für die sog. Glücksforschung, insbesondere Versuche, subjektive Wohlstandsindikatoren zu entwickeln.Weiterlesen »

Die Leiden des jungen VWLers

Aus meiner Erfahrung von insgesamt 6 Jahren VWL-Studium (3,5 Jahre Bachelor im Nebenfach, 2,5 Jahre Master im Hauptfach) kann ich nur verstehen, wieso es immer mehr Rufe nach einer pluralen oder, wie manche es nennen, postautistischen Ökonomik gibt. Und auch wenn ich finde, dass die Kritik an der sog. „Mainstream-Ökonomik“ oft verfehlt ist (wie z. B. in diesem Fall), so gehe ich davon aus, dass das Gefühl, im Studium viel zu wenig Interessantes/Wichtiges gelernt zu haben, nicht nur mein Problem oder das meiner alma mater ist. Daher denke ich, dass mein folgender „Leidensbericht“ auch auf WiWi-Institute vieler anderer Unis übertragbar ist.Weiterlesen »

Freier Handel, guter Handel?

Nein, dies wird nicht ein weiterer Text über TTIP, Chlorhühnchen und Schiedsgerichte sein. Zumindest nicht direkt. (Sorry for disappointing you.) Weder ist meine Expertise hier ausreichend, noch fände ich es besonders spannend, über ein Thema zu schreiben, mit dem sich alle Medien immer und immer wieder beschäftigen (zumindest wenn nicht gerade die Lokführer wieder streiken oder die Herren Müller-Wohlfahrt und Guardiola uns mit ihren Auseinandersetzungen bescheren). Andererseits geht es mir hier um eine allgemeine Fragestellung, die für die TTIP-Debatte natürlich Konsequenzen hat: ist freier Handel generell eine gute Sache? Die Antwort ist, denke ich, etwas komplizierter als es manchmal scheint (sonst gäbe es ja keinen Grund, diesen Beitrag zu lesen).Weiterlesen »

Drei Kinder und Gerechtigkeit

Ich lese gerade eines meiner Lieblingsbücher wieder, The Idea of Justice von Amartya Sen. Eine der Hauptbotschaften dieses ungeheuer interessanten Buchs ist, dass man sich mit einer gewissen Art von Pluralität abfinden muss. Es gibt nicht die Antwort auf viele wichtige Fragen – z. B. gibt es nicht die Definition von Gerechtigkeit. Sen illustriert dies an einem sehr schönen, einfachen Beispiel dreier Kinder, die um eine Flöte streiten.Weiterlesen »

GFSF: Gute Forschung, schlechte Forschung

Als ich vor ein paar Jahren den Essay „The Presumptions of Science“ von Robert L. Sinsheimer las, war ich begeistert. Da schrieb mir jemand aus der Seele: bestimmte Arten von Forschung, insbesondere die Entwicklung bestimmter Technologien, sollten unterlassen werden, weil sie absehbare negative Folgen für die Gesellschaft haben (könnten). Beispiele von Sinsheimer waren v. a. Gentechnik und Atomkraft, heutzutage wären zusätzliche Kandidaten bspw. Geo-Engineering, CCS oder synthetische Biologie. Es mag sein, dass Sinsheimer Recht hatte, dass bestimmte Arten von Forschung sich als „schlecht“ erweisen. Dennoch würde uns ein Versuch, seine Vorschläge praktisch umzusetzen – die auch immer wieder in unterschiedlichen Kontexten so ähnlich gemacht werden – vor schwer überwindbare Praktikabilitätsprobleme stellen.Weiterlesen »

Eine wohlfahrtsökonomische Analyse des Radfahrens (mit Augenzwinkern)

Als Radfahrer fühlt man sich des Öfteren benachteiligt: während die Autofahrer in ihren sicheren, vor Wind und Wetter geschützten Stahlpanzern sitzen und entspannt Musik hören können, muss man als Anhänger des nicht-motorisierten Individualverkehrs mit Wind kämpfen, Nässe ertragen, sich an Falschparkern und Kleinbaustellen vorbeischlängeln und läuft immer Gefahr, dass man bei Unfällen als der Hauptbeschädigte dasteht, unabhängig davon, ob sie selbstverschuldet sind oder nicht. Besonders schnell ans Ziel kommt man auch nicht unbedingt, was einem besonders bei schlechtem Wetter bewusst wird. Dabei ließe es sich einiges machen, die öffentlichen Güter in Form von Radinfrastruktur lassen viel zu wünschen übrig. Gleichwohl lässt es sich sehr gut zeigen, dass Radfahren als Alternative zum motorisierten Individualverkehr eine ganze Reihe positiver externer Effekte generiert. Die allgemeine Benachteiligung von Radfahrern ist daher wohlfahrtsökonomisch betrachtet ein Marktversagen, dass der Staat zu korrigieren hat.Weiterlesen »

Was ist ökonomische Bewertung eigentlich (nicht)?

In meiner Doktor-Arbeit, die ich am Department Ökonomie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig schreibe, befasse ich mich mit der Frage, wie man mit dem „Bewertungsobjekt“ Biodiversität sinnvoll umgehen kann. Es geht also um ökonomische Bewertung von Umweltgütern im Allgemeinen bzw. von biologischer Vielfalt im Speziellen. Eine der interessantesten Fragen, auf die ich dabei bisher gestoßen bin, ist gleichzeitig die grundlegendste: Was ist ökonomische Bewertung eigentlich? Was macht sie aus? Wodurch unterscheidet sie sich von nicht-ökonomischen Bewertungen? Was heißt überhaupt „ökonomisch“?Weiterlesen »

Losing humanity and other questions science doesn’t ask

Ein sehr lesenswerter Text über die Notwendigkeit, als Wissenschaft(ler) vor schwierigen Fragen, auch normativen Fragen nicht zu scheuen. Mit einem Verweis auf einen großartigen Film am Ende;-)

Ideas for Sustainability

By Joern Fischer

Prompted by a recent visit to the US, I am once again wondering what kind of science we ought to be doing for it to be of use in the sense of creating a better, more sustainable world. A woman in the street yesterday wanted me to (financially) support an anti-bullying campaign. She explained to me all the wrongs of school bullying, as well as the substantial legal costs that needed to be covered to fight it. While her cause was worthwhile the whole interaction left me somewhat befuddled – the insanity of appealing to the good will of a few to fix what is systemically messed up seemed almost unbearably pathetic; and a theme that to me (as an outside observer) seems to run through much of the US in particular. Electric cars, good-natured philanthropists and coffee sleeves made of “85% post-consumer fiber” will not fix…

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Der Erziehungsberechtigten-Effekt

Das geht ganz langsam, Jan, das merkst du gar nicht, Stück für Stück. Irgendwann willst du auch die rostige Karre loswerden, willst ’n Auto haben, das zuverlässig ist, ’ne Klimaanlage hat, Garantie. Dann heiratest du, hast ’ne Familie, willst ihr was bieten, kaufst ’n Haus, dann haste Kinder, die müssen zur Schule gehen, Ausbildung, das kostet Geld. Sicherheit. Dann machst du Schulden ohne Ende, und um die Schulden abzuzahlen, musst du Karriere machen. Um Karriere machen zu können, musst du so denken wie die anderen, und irgendwann ertappst du dich dabei, dass du in der Wahlkabine stehst und dann… für die CDU das Kreuz machst.

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Über den Wert von Wissenschaft (insbesondere Doktorarbeiten)

Wie bereits im letzten Beitrag indirekt angedeutet, hat man es als Doktorand nicht leicht. Insbesondere, wenn man nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch gesellschaftlichen Anspruch hat. Das Problem lässt sich recht leicht zusammenfassen: „Wen interessiert eigentlich, was ich da in meiner Diss so mache?“ Da bearbeitet man Themen wie die ökonomische Bewertung von Biodiversität, den Einfluss der Flurbereinigung auf Ökosystemfunktionen oder Umweltsteuern im Kontext der Wasserrahmenrichtlinie und fragt sich immer wieder zweierlei: sind diese i. d. R. sehr theoretischen Fragestellungen für die Forschung relevant? Und tun sie der Umwelt bzw. der Gesellschaft überhaupt etwas Gutes?(da ich v. a. mit Sozialwissenschaftlern zu tun habe und selbst einer bin, sind die Beispiele sozialwissenschaftliche Dissertations-Themen – ich vermute aber, dass meine hier geäußerten Gedanken auf naturwissenschaftliche Dissertationsvorhaben gleichermaßen zutreffen) Mein heutiger Beitrag ist teils als Selbsttherapie, teils als Ermutigung für meine „Mitstreiter“ am UFZ gedacht.Weiterlesen »