Hain der Gedankenexperimente

Ich bin Sozialwissenschaftler aus Überzeugung. Sogar in meiner Freizeit lese ich bevorzugt Bücher, die sozialwissenschaftliche Themen berühren – seien es historische Abhandlungen über das Funktionieren der Gesellschaft des Dritten Reichs, long-form-Reportagen des polnischen Verlags Czarne, bevorzugt über Südosteuropa oder… Science Fiction. Über den sozialwissenschaftlichen Wert von Büchern, die Science Fiction zugeordnet werden, schrieb ich bereits vor einer Weile. Heute möchte ich über das Werk einer konkreten Autorin schwärmen, die es mir in dieser Hinsicht ganz besonders angetan hat: Ursula K. Le Guin.

Ursula Le Guin hatte viele großartige literarische Ideen, doch ihre wohl beste war die Erfindung der sogenannten Hain-Welt, in der sieben Romane und mehr als 15 Erzählungen stattfinden. Die Idee war so simpel wie genial: Ein Universum, in dem die Bewohner:innen eines Planeten (Hain) vor Jahrtausenden eine Vielzahl anderer Planeten besiedelten (darunter die Erde). Seitdem war das Wissen um diese Kolonisierung allerdings verloren gegangen und die Planeten werden schrittweise wieder entdeckt – inzwischen nicht mehr nur von den Hain allein, sondern von einem Verbund von Welten, der sogenannten Ekumene. Die vielen Romane und Erzählungen, die in der Hain-Welt spielen, sind nur sehr lose miteinander verbunden, oft lediglich dadurch, dass sie in derselben Welt spielen (Le Guin gab selbst zu, dabei nicht übermäßig konsistent vorgegangen zu sein – so kommen in verschiedenen Texten beispielsweise zwei verschiedene Planeten vor, die beide Werel heißen). Das geniale an diesem Setting jedoch: Die miteinander verwandten und mehr oder weniger „menschlichen“ Gesellschaften auf den verschiedenen Planeten entwickelten sich lange Zeit unabhängig voneinander. Zum üblichen Zufall und seinen Konsequenzen in komplexen Systemen (Schmetterlingseffekt) sowie den Unterschieden in den natürlichen Gegebenheiten auf den verschiedenen Planeten (von dem kargen Wüstenmond Anarres über den kargen Winterplaneten Gethen bis hin zu dem Überflussplaneten Urras) kommen hier und da noch genetische Experimente der „alten Hain“. Diese Kombination ergibt einen ungeheuer reichhaltigen Fundus an potenziellen Gedankenexperimenten, aus dem Le Guin über ca. drei Jahrzehnte verteilt schöpfte.

Eine gesammelte Ausgabe aller Hain-Texte von der Library of America.

Und wie sie das tat. Das Charakteristische an Le Guins Werk – neben der ungezwungenen, poetischen Leichtigkeit ihrer Sprache, dem angenehm entspannten Erzähltempo und der Tendenz zu offenen Enden – ist ihr für Science Fiction untypisches Desinteresse an technologischen Details. Natürlich kommen in ihren Büchern Raumschiffe, ihre später von anderen Autor:innen übernommene Erfindung des Ansible (eine Maschine zur instantanen Übermittlung von Informationen über beliebige Distanzen, mir zuerst bekannt aus dem Ender-Zyklus von Orson Scott Card) und andere technologische Erfindungen vor. Doch sie bilden stets nur einen Rahmen im Hintergrund und werden nur soweit konkret beschrieben, wie dies zwingend notwendig ist (oft: kaum). Viele der Hain-Welten sind recht technologiearm. Denn was Le Guin interessiert, sind Menschen und Gesellschaften – Psychologie, Soziologie, Politik, Philosophie… Nicht zuletzt dank ihrem Vater Alfred Kroeber (das „K.“ in Le Guins Namen steht für ihren Geburtsnamen Kroeber), einem bekannten US-Anthropologen (beide werden bspw. in dem viel diskutierten The Dawn of Everything von Graeber und Weingrow wohlwollend zitiert), baute sie auf einem breiten Wissen über die tatsächliche Diversität menschlicher Gesellschaften auf. Philosophisch war sie stark vom Daoismus beeinflusst, was immer wieder (unaufdringlich) durchscheint – in einem der Hain-Romane wird aus verschollenen heiligen Büchern zitiert, die sich bei einer Internetsuche nach den Zitaten als Thoreaus Walden und Schriften von Laozi entpuppen. Letztlich nutzte Le Guin aber die Heterogenität der Welten, die sich erschaffen hatte, um darüber nachzudenken, wie menschliche Gesellschaften sein könnten. Und diese Gedanken lohnt es sich mit ihr zu denken und weiter zu spinnen – nicht nur bei den beiden bekanntesten Büchern des „Zyklus“ (der eigentlich keiner ist), The Left Hand of Darkness und The Dispossessed (die beide verdientermaßen zu der relativ kleinen Gruppe von SF-Büchern gehören, welche sowohl mit Hugo als auch mit Nebula ausgezeichnet wurden), sondern auch all den anderen Hain-Texten.

Ein wiederkehrendes Thema ist Sexualität – man findet in der Hain-Welt Gesellschaften, in denen alle Hermaphroditen sind (The Left Hand of Darkness), in denen Menschen Vierer-„Ehen“ bilden (Unchosen Love), in denen Homosexualität selbstverständlich ist (viele Beispiele)… Es gibt auf Sklaverei basierte Gesellschaften (Five Ways of Forgiveness), eine egalitär-anarchisch organisierte Gesellschaft (The Dispossessed), eine radikal antireligiöse Oligarchie (The Telling) und zahlreiche archaisch (teil-)organisierte, postapokalyptisch anmutende Gesellschaften (City of Illusions, Solitude, Planet of Exile). Es gibt eine Gesellschaft, in der das Verhältnis Männer:Frauen 1:16 beträgt (The Matter of Seggri), sowie eine, in der Frauen in kleinen Siedlungen, Männer aber als Einsiedler leben (Solitude). Es gibt eine, deren Bewohner:innen bis zur Ankunft von (Terra-)Menschen zur Gewalt unfähig scheinen (The Word for World Is Forest; auf diesem Buch basiert übrigens James Camerons Avatar, obwohl Le Guin von dem Film sehr wenig hielt, weil er das zentrale moralische Dilemma hollywood-typisch trivialisierte). Le Guin zeigt diese Gesellschaften aus den verschiedensten Perspektiven – aus der Innenperspektive ihrer Mitglieder (The Dispossessed, Planet of Exile), aus der von Entsandten der Ekumene (The Left Hand of Darkness, Old Music and the Slave Women, The Telling) oder aber als retrospektive Berichte bspw. über das Teenager-Leben auf dem Planeten der Hermaphroditen (Coming of Age in Karhide). Besonders interessant sind Mischformen, wie bspw. in Solitude oder City of Illusions oder Rocannon’s World.

Das sind nur einige Beispiele (ich will ja nicht spoilern). Was sie nahezu alle verbindet, ist, dass sie zum Nachdenken anregen. Muss die Gesellschaft in der realen Welt so funktionieren, wie sie es tut? Ist die Welt, wie sie ist, das unvermeidliche, deterministische Ergebnis von „Naturgesetzen“ oder eher eine Kontingenz, die sich in eine ganz andere Richtung hätte entwickeln können (und vielleicht noch kann; hier übrigens eine große Überschneidung mit dem erwähnten The Dawn of Everything, einer „Antwort“ auf die Jared Diamonds und Yuval Noah Hararis dieser Welt)? Was macht diese Kontingenz mit der menschlichen Psyche und was würde in einer anderen Kontingenz passieren? Haben wir eine „menschliche Natur“ bzw. wie viel davon ist sozial und historisch kontingent? Zuletzt zieht sich durch die vielen Gedankenexperimente Le Guins starker und recht optimistischer Blick auf zwischenmenschliche (Liebes-)Beziehungen durch, wodurch verhindert wird, dass man vor lauter Gesellschaften den Menschen als Individuum aus den Augen verliert. Was Ursula Le Guin da geschaffen hat, ist in meiner persönlichen Einschätzung eine sozialwissenschaftlich höchst relevante Meisterleistung in Sachen Gedankenexperimente.

P.S. Als kleinen Bonus empfehle ich, obgleich nicht Teil des Hain-„Zyklus“, die Novelle Paradises Lost (veröffentlicht als Teil von The Birthday of the World), in der es um eine Mikro-Gesellschaft von ca. 1000 Menschen geht, die über mehrere Generationen (ca. 200 Jahre) zwischen der Erde und einem zu kolonisierenden Planeten reist und deren mittlere Generationen sich um die Definition eines Daseinszwecks mühen.

3 Gedanken zu “Hain der Gedankenexperimente

  1. Gute utopische Literatur ist ein interessanter Ideengeber und regt selbst zum Nachdenken über viele Dinge an. Ich habe in meiner Jugend alles von Lem, den Strugatskys und anderen in der DDR erhältlichen Autore verschlungen und vergleiche oft die Gegenwart damit. Was ist eingetreten, wo haben sie unter- oder übertrieben? Die Autorin kenne ich nicht, was wahrscheinlich daran liegt, das mein Englisch dafür nicht ausreicht. Aber andererseits kann man es ja mit dem lesen vertiefen..
    Vielen Dank für die Anregung und viele Grüße aus Strenzfeld

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    • Nahezu alle Bücher von Le Guin sind auch auf Deutsch erhältlich, manche inzwischen sogar in zwei Übersetzungen (bspw. „The Left Hand of Darkness“ als „Winterplanet“ und neuerdings als „Die linke Hand der Dunkelheit“). Ich selbst bevorzuge die Originale, weil sie sprachlich großartig ist, aber für den Gedankenexperimente-Aspekt reicht eine Übersetzung völlig (und vielleicht sind die deutschen Übersetzungen auch richtig gut, das weiß ich nicht;-).

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    • Lem finde ich übrigens auch großartig (Die Stimme des Herrn, Der Transfer, Der Unbesiegbare, Die Sterntagebücher gehören zu meinen Lieblingsbüchern), auch wenn auf Dauer ein bisschen ermüdend wegen des Schreibstils. Le Guins Werk hat hingegen sehr viel Leichtigkeit.

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