Über den Rand des eigenen Teiches blicken

Ich lese gerade mal wieder, nach einer längeren, belletristikgeprägten Pause, ein sozialwissenschaftliches Buch in meiner Freizeit: Michele Alacevichs Albert O. Hirschman: An Intellectual Biography. Dass Hirschman ein wahnsinnig interessanter Denker war, wusste ich schon vorher. Aber die Lektüre hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, hin und wieder den eigenen „intellektuellen Teich“ zu verlassen und einen Ausflug in die Nachbarteiche zu wagen, um zu sehen, was da so Spannendes und (potenziell) Inspirierendes los ist.

Die moderne Wissenschaft ist enorm differenziert und spezialisiert. Das kann man z. B. daran ablesen, wie häufig Wissenschaftler:innen sich darüber aufregen, dass ihnen von Familie, Bekannten und auf Partys Fragen gestellt werden, die zwar einen Teil ihrer Disziplin betreffen – aber eben einen völlig anderen Teil, als der, mit dem sie sich selbst beschäftigen. So wird dem Molekularbiologen bspw. die Frage „Was ist das da für ein Kraut? Wie heißt das?“ gestellt; der Umweltökonomin begegnet die Frage nach dem sinnvollsten Fonds für die Vermögensverwaltung angesichts der aktuellen konjunkturellen Lage… Die wissenschaftlichen Disziplinen, wie man sie aus der Schule kennt – Biologie, Chemie, Mathematik, Geografie, Wirtschaftswissenschaft etc. – differenzieren sich in der Forschung in unzählige mehr oder weniger (meistens: weniger) miteinander verknüpfte Teildisziplinen, Forschungsbereiche und -themen.

Besonders in den Sozialwissenschaften (Soziologie, Politikwissenschaft, große Teile der Psychologie, Ökonomik, Rechtswissenschaft, Ethnologie…) kommen zwei weitere Herausforderungen hinzu: zum einen behandeln unter Umständen mehrere Disziplinen etwa die gleichen Phänomene, allerdings teilweise aus völlig unterschiedlichen theoretischen, methodologischen, ja philosophischen Perspektiven. Zum anderen gibt es innerhalb der Disziplinen nicht nur die auch in den Naturwissenschaften üblichen Teildisziplinen, sondern auch noch Denkschulen, die ebenfalls mitunter diametral unterschiedliche Blickwinkel auf die gleichen Phänomene bieten. Eine Behavioristin und ein Psychoanalitiker kommen ähnlich schwer auf einen grünen Zweig wie ein Post-Keynesianer und eine Monetaristin.

Dieser Reichtum kann verwirren (und er tut es gar sehr) und erschwert die Verständigung innerhalb wie zwischen sozialwissenschaftlichen Disziplinen (sowie, bspw. in der Umweltforschung, zwischen Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften). Gleichzeitig kann er sehr wertvoll und bereichernd sein, wenn man ein umfassendes Verständnis gesellschaftlicher Phänomene erlangen möchte.

Der eingangs erwähnte Albert Hirschman war allerdings Vertreter einer sehr seltene Spezies von Sozialwissenschaftler:innen, für die diese Bezeichnung genau zutreffend und hinreichend war/ist. Für die meisten von uns gilt diese Bezeichnung lediglich als sehr ungenauer Oberbegriff – eigentlich sind wir Sozialpsycholog:innen, Umweltökonom:innen oder Wissenssoziolog:innen. Die Interaktionen zwischen den einzelnen Disziplinen sind auf Grund der erwähnten unterschiedlichen Zugänge, Methoden und Philosophien recht beschränkt. Hirschman hingegen war zwar studierter Ökonom, aber er scherte sich im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere immer weniger um die Frage, die mir und meinen Kolleg:innen, die in der interdisziplinären Forschung „großgeworden“ sind, aufreibend häufig gestellt wird: „Schön und interessant, aber was ist daran ökonomisch?“ Hirschmans implizite Antwort war: Who cares? Solange der gewählte Ansatz neue, relevante Erkenntnisse generiert, ist es doch völlig schnuppe, welcher disziplinären und theoretischen Tradition er entlehnt wurde. Oder?

Nichtsdestotrotz: im wissenschaftlichen Alltag verliert man sich sehr leicht in der eigenen Subsubsubdisziplin und hat nur noch die in ihr typischen Fragen und die typischen Methoden zu ihrer Beantwortung auf dem Schirm. Das kann man angesichts der Komplexität der von den meisten Wissenschaftler:innen untersuchten Phänomene und des allgemeinen Drucks im Wissenschaftssystem niemandem wirklich verübeln. Und dennoch: es tut enorm gut und kann intellektuell enorm erfrischend sein, hin und wieder aus dem Mini-Teich der eigenen Forschung aufzutauchen und in die benachbarten Teiche zu blicken – seien es andere Denkschulen derselben Disziplin, andere Disziplinen, die ähnliche Fragen untersuchen, oder gar andere Bereiche der eigenen Disziplin, die sich ganz anderen Fragen widmen. Nach meiner Erfahrung sind dafür Bücher besonders geeignet, weil sie meist leichter verdaulich sind als Fachartikel und einen stärkeren Fokus auf Konzepte und Perspektiven haben. Und genau das ist es, was einem oft sehr gut helfen kann – mit solch einem Blick in die intellektuelle Nachbarschaft das eigene Forschungsthema plötzlich in ganz neuem Licht zu sehen. Hirschman beschäftigte sich viel mit Entwicklungsökonomik sowie den politischen Mechanismen und Dynamiken moderner Gesellschaften – nicht gerade „meine“ Themen. Und trotzdem muss ich beim Lesen über ihn und seine Arbeit immer wieder darüber nachdenken, was eine bestimmte seiner Ideen für Konsequenzen für meine eigene Forschung ist. Gerade ein solch nonkonformistischer Denker wie Hirschman es war kann einen aus einer intellektuellen Pfadabhängigkeit herausreißen.

Wie schafft man es, einen solchen Blick „in die intellektuellen Nachbarteiche“ zu pflegen? Viel hängt von einem selbst ab; eine institutionelle Maßnahme, die dies allerdings zumindest erleichtern würde, wäre eine stärkere Auseinandersetzung im Studium mit den jeweils anderen Sozialwissenschaften, mit Denkschulen innerhalb der eigenen Disziplin (dies ist primär für die im Mainstream recht monolithische Ökonomik relevant) sowie der Theoriegeschichte. Eine solche Ergänzung des Lehrplans würde nicht nur die künftige Betrachtung der anderen Teiche erleichtern, sondern vielleicht auch die gegenseitigen Vorurteile und Vorbehalte zwischen den Disziplinen abschwächen (gerade zwischen der Ökonomik und der Soziologie).

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