Kann der fortschreitende Klimawandel dazu führen, dass Agrarlandschaften multifunktionaler und nachhaltiger werden? Möglicherweise…
Der Klimawandel stellt die Landwirtschaft in Deutschland bereits jetzt vor zunehmende Herausforderungen, die in absehbarer Zukunft größer werden dürften. Verschiebungen in Niederschlagsmustern mit stärker ausgeprägten Extremen (Dürren und Starkniederschläge), veränderte Vegetationsperioden, neue Unkräuter, Schädlinge und Pathogene, höhere Temperaturen, durch großflächige Wetterextreme bedingte Preisvolatilität – all diese Folgen des fortschreitenden anthropogenen Klimawandels erfordern eine Anpassung. Für die landwirtschaftlichen Betriebe ist das zunächst eine veritable Herausforderung. Doch sie kann auch positive Auswirkungen haben – denn einige Anpassungsoptionen überlappen sich zufälligerweise damit, was in der Wissenschaft als nachhaltige bzw. die Multifunktionalität fördernde Bewirtschaftung diskutiert wird.
Welche Anpassungsoptionen stehen der Landwirtschaft zur Verfügung? Hier einige der diskutierten Möglichkeiten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und als z. T. komplementär zu verstehen):
- Anpassung der Fruchtfolgen durch ihre Erweiterung/Verlängerung (und damit Diversifizierung) sowie durch die Aufnahme neuer, robusterer Kulturen (bspw. Soja, Buchweizen, Kichererbsen etc.) oder Mischkulturen;
- Bäume oder Hecken zur Erosionsvermeidung, Beschattung und Reduktion der Verdunstung;
- Bewässerung;
- Reduzierte Bodenbearbeitung zur Steigerung der Wasserspeicherkapazität von Böden und zur Erosionsvermeidung;
- Anbau von Zwischenfrüchten zum selben Zweck;
- Verkleinerung von Schlägen zur Erosionsvermeidung;
- Züchtung neuer, robusterer Sorten etablierter Kulturen (ggf. durch neue Züchtungstechnologien wie Genome Editing);
- Erhöhung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes;
- Diversifizierung der Einkommensquellen zur Verringerung der Abhängigkeit von zunehmend volatiler Landwirtschaft;
- Versicherungen gegen Wetterextreme;
- Verteilung des Risikos auf mehrere Schultern durch innovative Modelle wie solidarische Landwirtschaft.
Wer sich wie ich mit Multifunktionalität von Agrarlandschaften beschäftigt, wird in der obigen Liste einige alte Bekannte erkennen. Hier ist eine beispielhafte (und hübsche) Abbildung aus einem Artikel von Julia Rosa-Schleich und Kolleg:innen:

Die Überschneidungen sind augenfällig. Zwar gibt es in der obigen Liste auch problematische Optionen aus Sicht der Multifunktionalität (insb. mehr Pflanzenschutzmittel, ggf. auch Versicherungen) sowie zahlreiche, die gegenüber Multifunktionalität im Sinne der Bereitstellung multipler Ökosystemleistungen neutral sind (bspw. solidarische Landwirtschaft oder Diversifizierung der Einkommensquellen). Doch sehr viele der Optionen wären hinsichtlich ihrer Beiträge zur Multifunktionalität eindeutig positiv zu bewerten – zusätzlich zu ihrem aus Sicht der Betriebe vordergründigen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel.
Diese Beobachtung hat wichtige Implikationen für die Politik. Zum einen bedeutet sie, dass Agrarpolitik die Richtung der Anpassungsprozesse und -strategien im Sinne der Multifunktionalität gezielt beeinflussen könnte, z. B. indem sie die win-win-Optionen (stärker) fördert und unterstützt. Zum anderen heißt dies speziell für die Agrarumweltpolitik, dass Investitionsförderung oder ähnliche Anschub-Anreize für einige multifunktionalitätsfreundliche Optionen künftig ausreichend sein könnten – weil die Betriebe dank ihrem Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel ein Eigeninteresse haben dürften, diese Optionen langfristig umzusetzen. In diesem Sinne würde der Klimawandel tatsächlich einige Herausforderungen der Agrarumweltpolitik zumindest lindern… Was paradox klingen mag und zumindest in mir ein großes Interesse weckt, mir die Sache näher anzusehen – auch um festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch zu optimistisch bin (normalerweise nicht gerade meine Eigenschaft…).
Ich denke, dass in Fällen bei denen Anpassungsmassnahmen mit Diversifizierung Zusammenhängen eben auch die Multifunktionalität zunimmt. Die Frage wäre dann, ob Diversifizierung im Eigeninteresse der Landwirte liegt. Oft ist dies nicht der Fall, wenn sich der Arbeitsaufwand erhöht (Verlust von Skalierungseffekten). Andersherum, wenn sich Verbundeffekte im Betrieb ergeben, kann es Vorteile für den Betrieb haben. Soweit mein bescheidenes Verständnis dieser Dinge…
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Eine weitere Ausführung zu Skalierungs- und Verbundeffekten und Komplexität von Agrarökosystemen: https://bio-kultur.org/2023/02/03/ein-blinder-fleck-der-agrarokologie-economies-of-scale-und-agrarokologische-komplexitat/
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