Wohin mit der Agrarwende?

Ich habe meine Skepsis gegenüber Utopien schon mal hier diskutiert. Nun bewege ich mich in einem Feld – der Nachhaltigkeitsforschung –, in dem Utopien eine größere Rolle spielen, als mir manchmal lieb wäre. Das betrifft auch mein eigenes Forschungsobjekt, die (nachhaltige) Landwirtschaft, in deren Kontext „Agrarwende“ ein häufig verwendeter Begriff ist – die einen finden sie notwendig, die anderen halten sie für einen gefährlichen Kampfbegriff. Ohne mich auf eine der beiden Seiten zu schlagen, möchte ich hier fünf Probleme skizzieren, die ich in den Debatten über die Agrarwende sehe. Dabei werde ich mich auf die Debattenseite fokussieren, die den Begriff nicht grundsätzlich ablehnt – insbesondere die häufigen Versuche, Zukunftsvisionen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu skizzieren.

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Warum Entfristung und Finanzierung aus Drittmitteln in der Wissenschaft kein grundsätzlicher Widerspruch sein müssen

Gastbeitrag von Jens Rommel (Schwedische Landwirtschaftliche Universität Uppsala)

Unter dem Twitter-Hashtag #IchBinHanna und im gleichnamigen Buch findet die Debatte um prekäre Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaftscommunity ihren jüngsten Höhepunkt. In der Diskussion äußern Wissenschaftler:innen ihren Frust über Kettenverträge, Befristungen und die daraus entstehenden Abhängigkeiten und Ineffizienzen im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Aus der Ferne verfolge ich diese und andere Debatten mit großem Interesse, weil ich überzeugt bin, dass Wissenschaft eine hohe gesellschaftliche Bedeutung hat und dass gute Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft eine wichtige Voraussetzung für exzellente Forschung und Lehre sind. Mir fällt immer wieder auf, dass der Aspekt des Drittmittelpoolings in der deutschen Debatte um bessere Arbeitsbedingungen und planbare Karrierewege in der Wissenschaft nur am Rande vorkommt, wohingegen er aus meinem schwedischen Arbeitsalltag nicht wegzudenken ist.

In diesem Gastbeitrag beschreibe ich was Drittmittelpooling ist, welche Rolle es in meinem schwedischen Arbeitsalltag spielt und welche Rahmenbedingungen für erfolgreiches Drittmittelpooling vorliegen müssen. Meine Betrachtungen sind subjektiv und spekulativ. Sie regen aber hoffentlich zum Nachdenken an und bieten eine neue Perspektive auf Arbeitsbedingungen von Wissenschaftler:innen in Deutschland und tragen im Idealfall zur Verbesserung der Situation bei.

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Die Naivität des Verursacherprinzips

Auf den ersten Blick erscheint es sehr plausibel: Wer Umweltschäden verursacht, sollte sie auch beseitigen/vermeiden/wiedergutmachen. Anders ausgedrückt: Der Verursacher sollte die Kosten der von ihm verursachten Umweltschäden tragen. Folgerichtig heißt das Verursacherprinzip im Englischen „polluter pays principle“. Doch was auf den ersten Blick plausibel erscheint, ist oft genug weniger plausibel, wenn man es sich näher ansieht. So verhält es sich auch mit dem Verursacherprinzip.

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Neue GAP, alte Bodenschutzdefizite

Am 21. Februar war es endlich soweit, mit lediglich zwei Monaten Verspätung: die Bundesregierung reichte bei der Europäischen Kommission ein 1799 Seiten dickes Brett ein, den Strategieplan für die nächste Periode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2023–2027. In diesem wird die Verteilung der GAP-Fördermittel in Deutschland geregelt. Viel wurde und wird über diesen Strategieplan geschrieben und geregelt. Mein kleiner Beitrag zu dieser Debatte widmet sich der Frage der Berücksichtigung von Bodenschutz in der neuen GAP.

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Performance-Indikatoren für agrarökonomische Zeitschriften

Blogbeitrag von Robert Finger, Nils Droste, Bartosz Bartkowski und Frederic Ang. Parallel veröffentlicht auf Agrarpolitik.

Was ist eine gute Zeitschrift für eine Veröffentlichung? Die Bewertung der Qualität von Zeitschriften im Bereich Agrarökonomik und -politik basiert häufig auf bibliometrischen Informationen wie dem Impact Factor oder auf subjektiven Reputationsrankings (z. B. von GEWISOLA). Es gibt jedoch auch andere Faktoren jenseits bibliometrischer Indikatoren, die für die Entscheidung über die Einreichung eines Manuskripts relevant sein können. So spiegeln Metriken wie der Impact Factor unter Umständen nicht die erwarteten Auswirkungen einer Veröffentlichung in bestimmten Zeitschriften auf die Karriere wider. Darüber hinaus wird die Wahl der Zeitschrift auch durch eine Reihe anderer Kriterien bestimmt, wie z. B. die Geschwindigkeit der Begutachtung, die Wahrscheinlichkeit der Annahme, die Bearbeitungszeit und das Prestige. Für Zeitschriften im Bereich der Agrarökonomie und -politik fehlt uns ein breiter Überblick über derartige Kennzahlen und Informationen, die Autor:innen bei ihren Publikationsentscheidungen unterstützen könnten. Einen solchen Überblick bieten wir hier.

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Förderung von Carbon Farming: Eine sinnvolle Strategie?

In zahlreichen aktuellen politischen Dokumenten liest man, wie wichtig Carbon Farming als eine sogenannte Negativemissionstechnologie sei. Da Negativemissionen (also Prozesse, die der Atmosphäre Treibhausgase entziehen – genau das Gegenteil dessen, worin wir Expert:innen sind) laut Modellrechnungen zur Erreichung von Klimazielen unentbehrlich sind, ist das nur verständlich. Doch die Frage stellt sich, wie zielführend bzw. aussichtsreich verschiedene Ansätze zur Förderung von Carbon Farming sind.

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Wie man interdisziplinaritätsfördernde Strukturen verschlimmbessert

Vor einer Weile schrieben Chad Baum und ich einen Artikel über institutionelle und kulturelle Voraussetzungen für erfolgreiche interdisziplinäre Umweltforschung. Dabei hoben wir die Organisationsstrukturen am UFZ als ein positives Beispiel hervor, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit strukturell befördert werden kann. Die kurze Beschreibung des UFZ-Beispiels endete mit einer Fußnote, die auf die damals noch laufende, inzwischen fast abgeschlossene Umstrukturierung verwies, hinsichtlich derer bei uns der Eindruck entstand, als sei sie ein Rückschritt. Aus der jetzigen Perspektive kann ich ruhig sagen: unsere Vorahnung damals war korrekt; die vormals vorbildlich interdisziplinaritätsfördernden Strukturen des UFZ wurden grob verschlimmbessert. Im Folgenden will ich kurz beschreiben, was da schief ging.

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Die Grenzen rationaler Argumentation in gesellschaftlichen (und privaten) Debatten

Spätestens seit ich vor ca. 4 Jahren Twitter beigetreten bin, bekomme ich mehr fundamentale, oft erbitterte Debatten, als mir eigentlich lieb ist. Sei es über den Umgang mit der Pandemie, die Notwendigkeit einer Transformation zur Nachhaltigkeit, die Potenziale und Gefahren von Gentechnik oder Atomkraft, die Migrationspolitik… Und immer wieder habe ich den Eindruck, dass die Beteiligten letztlich unvermeidlich aneinander vorbei reden. Denn die eigentlichen Differenzen liegen nicht dort, wo diskutiert wird – an der Oberfläche konkreter politischer und gesellschaftlicher Probleme –, sondern viel tiefer, bei den Grundprämissen, die unseren jeweiligen Weltbildern zugrunde liegen. Das Problem dabei: Während die konkreten Probleme argumentativ „diskutierbar“ scheinen (also: den Eindruck vermitteln, jemand könne „objektiv“ „recht haben“), entziehen sich besagte Grundprämissen einer argumentativen Begründung. Sie sind und bleiben inhärent und unaufhebbar subjektiv, und damit nicht „diskutierbar“.

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Woher weiß ich, was ich zu wissen glaube?

Was ich hier auf dem Blog schreibe, überschreitet oft die Grenzen meiner wissenschaftlichen Expertise im engeren Sinne. Das habe ich bereits vor einer Weile im Kontext meines Hauptthemas, der Landwirtschaft, thematisiert (Was weiß ich schon über Landwirtschaft?). Und auch in meiner Forschung habe ich direkt oder indirekt mit Fragen zu tun, für deren eigenständige Beantwortung ich nicht über das notwendig methodische und theoretische Wissen verfüge. Die Frage stellt sich also: Woher weiß ich, was ich zu wissen glaube? Allgemeiner ausgedrückt: Woher wissen Wissenschaftler:innen in interdisziplinären Forschungskontexten, was sie zu wissen glauben, was aber jenseits ihrer eigentlichen Expertise liegt?

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