Ende April 2017, ein hochprominentes Forschungsinstitut irgendwo in Mitteldeutschland. Eine Gruppe größtenteils erfahrener Wissenschaftler*innen, darunter ein paar Vertreter*innen der Naturwissenschaften, die meisten jedoch Sozialwissenschaftler*innen, trifft sich zu einem eintägigen Workshop. Ziel: gemeinsames Paper. Grobes Thema: eine bestimmte Schnittstelle zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Hintergrund: der Workshop soll helfen, eine neue Professur an dem hochprominenten Forschungsinstitut zu definieren. Aber eigentlich geht es darum – das wird recht bald ersichtlich -, um jeden Preis eine gemeinsame Publikation zu generieren. Möglichst hochrangig. Anvisiertes Ziel: Nature oder Science.Weiterlesen »
Kategorie: Forschung und Lehre
Impact Factor bedeutet nichts!
Ich habe gerade den ultimativen, definitiven Beweis (it’s true, it’s great, believe me) gefunden, dass der Impact Factor (IF) einer Fachzeitschrift nichts darüber sagt, wie gut die in ihr veröffentlichten Artikel sind:
06.02.2016: desk rejection* meines Artikels Are diverse ecosystems more valuable? durch Land Economics (IF 1,365); Begründung: „We believe that the work does not offer sufficient advancement of conceptual or empirical insights to warrant publication in Land Economics.“
12.07.2016: desk rejection einer überarbeiteten Version desselben Artikels durch Ecological Economics (IF 3,227); Begründung: „We consider that its contribution to the literature is not enough to justify a publication.“
17.02.2017: Annahme einer erneut überarbeiteten Version desselben Artikels nach zwei peer-review-Runden durch Ecosystem Services (IF 4,307)
q.e.d.
*Ablehnung bereits durch den Editor, ohne einen Begutachtungsprozess
Marktmacht der Wissenschaftsverlage: Drei kurze Anekdoten
Bis zur Entfristung (üblicherweise: Professur) gilt für einen jeden Wissenschaftler das Credo: „Publish or perish!“ Dies führt zu mannigfaltigen Problemen. Zum einen wird dieses Prinzip oft sehr quantitativ interpretiert – je mehr, desto besser. Qualität ist schwer messbar und daher nebensächlich. Zum anderen bedeutet es, dass Wissenschaftsverlage in vielen Situationen am längeren Hebel sitzen – denn ohne sie geht das so wichtige Publizieren (bisher) kaum. Diese Marktmacht lässt sich sehr gut ausnutzen.Weiterlesen »
Was haben BIP, PISA und h-Index gemeinsam?
Wir Menschen besitzen die erstaunliche Fähigkeit, uns das Leben schwerer zu machen, wenn wir versuchen, es uns einfacher zu machen. Was vor allem daran liegt, dass wir darin unschlagbar sind, Mühe, Komplexität und Reflexion auszuweichen. Das lässt sich alles evolutionstheoretisch ganz gut erklären – nichtsdestotrotz führt es gerade in unserer wahnsinnig komplex gewordenen Welt häufig zu Problemen. Ein interessantes Beispiel ist unser Umgang mit eigentlich nützlichen Messgrößen, die wir missbrauchen, weil sie so schön klar und deutlich sind.Weiterlesen »
Exploring Economics
Eine kurze Meldung nur (ich hoffe, im Februar, vielleicht schon im Januar wieder Zeit zu haben, etwas Längeres zu schreiben): das Netzwerk Plurale Ökonomik hat eine sehr nette Seite geschaffen (Exploring Economics), auf der die vielen heterodoxen Denkschulen der Ökonomik beschrieben werden, einschließlich Materialien, Links, Leseempfehlungen etc. Sehr empfehlenswert! P.S. Für den Eintrag über Ökologische Ökonomik zeichnet meine Wenigkeit verantwortlich.
Nachhaltigkeit bedeutet Verpflichtungen – aber gegenüber wem?
Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
Dies ist die wohl berühmteste und einflussreichste Definition von Nachhaltigkeit. Sie stammt aus dem sog. Brundtland-Bericht Our Common Future. Sie wurde aus vielen Gründen kritisiert, vor allem, weil sie sehr unspezifisch ist. Doch ein weiteres gravierendes Problem ist: wer sind diese „künftigen Generationen“, denen gegenüber wir vermeintlich Verpflichtungen haben? Wer sind sozusagen die Adressaten der Nachhaltigkeit?Weiterlesen »
Was macht einen guten Wissenschaftler aus?
Es ist jedenfalls eher nicht die Bereitschaft, auf Stabilität und Familienleben zu verzichten. Auch nicht wirklich die Fähigkeit, mit Unsicherheit im eigenen Leben umzugehen. Doch dies sind Eigenschaften, die man mitbringen sollte, wenn man in Deutschland Wissenschaftler werden möchte.
Grundlagenforschung vs. post-normale Wissenschaft
Meine Promotionszeit neigt sich dem Ende hin. Das bedeutet, dass ich mir allmählich Gedanken machen sollte, in welche Richtung sich meine wissenschaftliche Karriere entwickeln soll (sofern sie überhaupt fortgesetzt werden kann, was ich hier erstmal voraussetze). Natürlich wird meine letztendliche Entscheidung von der Marktsituation beeinflusst (ggf. sogar vollständig determiniert) – aber man kommt nicht umhin, sich mal grob zu überlegen, was man denn in der Zukunft reißen möchte, welches Gebiet man beackern würde. Eine wichtige Teilfrage, die mir früher nicht aufkam, ist die Frage nach Grundlagenforschung vs. anwendungsorientierter oder gar politikrelevanter Forschung (was man in der Ökologischen Ökonomik manchmal unter dem Begriff „post-normale Wissenschaft“ findet).Weiterlesen »
Interdisziplinarität: Modewort, Herausforderung und Imperativ
Eigentlich sollte es nicht so sein, aber Wissenschaft, wie wahrscheinlich jede Sphäre gesellschaftlichen Lebens, ist sehr anfällig gegen Modewörter – Wörter, die oft nur vage definiert sind, Konzepte, die man gerade wichtig/sexy findet (und morgen eventuell nicht mehr). In der Wissenschaft ist die angemessene Verwendung von Modewörtern oft essentiell, z. B. um an Projektgelder heranzukommen. In meinem Umfeld ist das Kernkonzept meiner Dissertation, Biodiversität, so ein Modewort, genauso wie Ökosystemdienstleistungen, Stakeholder, Transdisziplinarität, evidenzbasierte Politikberatung etc. Doch um Modewörter generell soll es heute nicht gehen, sondern um ein ganz besonderes, das in der Umweltforschung gerade sehr wichtig ist – und das verdientermaßen. Gestatten: Interdisziplinarität.Weiterlesen »
Die Leiden des jungen Wissenschaftlers
Heute wird es persönlich. Oder zumindest persönlicher als sonst. Heute möchte ich meinem Frust über das deutsche Wissenschaftssystem Ausdruck geben.Weiterlesen »