Von Wachstumsgrenzen, Preissignalen und britischer Kriegswirtschaft

Ulrike Herrmann sorgt in letzter Zeit für Kontroversen mit ihren teils als extrem empfundenen Thesen zur Klimakrise und Wachstumsgrenzen. Kürzlich erschien in den Blättern für deutsche und internationale Politik (die ich abonniere) ein Text von ihr: Raus aus der Wachstumsfalle: Wie wir mit der britischen Kriegswirtschaft die Klimakrise bewältigen können. Der Beitrag basiert auf ihrem kürzlich erschienenen Buch Das Ende des Kapitalismus. Da ich Teile der Diagnose von Frau Herrmann teile, ihren Therapievorschlägen aber nicht viel abgewinnen kann, möchte ich den Blätter-Beitrag etwas näher diskutieren.

Das Argument von Frau Herrmann ist etwa das Folgende:

  1. Aufgrund des Klimawandels bedürfe es eines umfassenden Wandels weg von fossilen Ressourcen.
  2. Leider seien auch „grüne“ Technologien durchaus ressourcenintensiv; bei einem umfassenden Umstieg dürften bestimmte für ihre Herstellung notwendige Ressourcen (z. B. seltene Erden) knapp werden.
  3. Preise und Märkte seien hier unbrauchbar; daher bedürfe es einer gezielten „grünen Schrumpfung“ der Produktion und des Konsums.
  4. Diese Schrumpfung könne erreicht werden, indem man sich am Beispiel der britischen Kriegswirtschaft 1939–1945 orientiert, die gezeigt habe, dass eine staatlich gelenkte Reallokation von Ressourcen bei gleichzeitiger Reduktion des Konsums möglich sei.

Ich würde den Punkten 1 und 2 zustimmen; auch dem Teil von Punkt 3, der von der Notwendigkeit substantieller Veränderungen in Konsummustern ausgeht. Meine Skepsis betrifft vor allem den Rest des Punktes 3 sowie Punkt 4. Da 4 sehr stark aus 3 folgt, werde ich mich im Folgenden vor allem mit der Bedeutung von Preisen und Märkten auseinandersetzen, und nur teilweise auf die Relevanz von Pandemie- und Kriegswirtschafts-Analogien eingehen.

Der Kernfehler der marktorientierten Ökonomen ist, dass sie die Ökoenergie für ein normales Produkt halten, das sich beliebig vermehren lässt, wenn die Nachfrage steigt. Also glauben sie, dass nur „Preissignale“ nötig wären, um den Ausbau von Windrädern und Solarpaneelen zu forcieren.

Diese Aussage verdeutlicht den Kern des Herrmann’schen Argumentes, das meines Erachtens falsch bzw. ein Missverständnis ist. Die Probleme fangen damit an, dass hier zwei verschiedene Arten von Preisen miteinander vermengt werden, die im Kontext dieser Diskussion getrennt betrachtet werden sollten. Auf der einen Seite haben wir die Marktpreise, die die relative(!) Knappheit von Ressourcen wie bspw. seltenen Erden signalisieren. Auf der anderen Seite haben wir staatlich generierte Preise für öffentliche Güter, die vor allem die relative Knappheit von Senken signalisieren sollen, insbesondere der Atmosphäre als CO2-Senke. Staatlich generierte Preise, z. B. in Form einer CO2-Steuer oder über ein Emissionshandelssystem, sollen Anreize zur generellen Berücksichtigung der Klimawirkungen unserer Produktions- und Konsumaktivitäten (Externalitäten) bewirken. Marktpreise hingegen bestimmen in diesem Fall, welche Ressourcen wie verwendet werden, um das gesellschaftliche Ziel des Klimaschutzes zu erreichen. Während Frau Herrmann zumindest implizit mit Ersterem startet, dreht sich ihr Argument primär um Letzteres. Und da gibt es Missverständnisse.

Das wichtigste Missverständnis: Gerade Marktpreise sind entgegen der impliziten Annahme von Frau Herrmann nicht statisch. Sie steigen bei Zunahme relativer Knappheit und geben daher Anreize zum sparsamen Umgang mit der knappen Ressource sowie zur Suche nach Substituten. Gerade die Substitute sind wichtig (und der Grund, warum wir von relativer Knappheit sprechen): So ist die absolute Knappheit von Kautschuk irgendwann kein Problem mehr gewesen, weil wir Wege gefunden haben, Gummi synthetisch herzustellen. Und das kann grundsätzlich auch bei den angesprochenen knappen Ressourcen für die Herstellung von Windrädern, Solarmodulen und Batterien/Akkus passieren – jetzt schon wird konstant nach Alternativen zu den knapp werdenden Ressourcen gesucht. Und wenn es trotz steigender Preise nicht gelingen sollte, eine Ressource zu ersetzen oder ihren Einsatz noch effizienter zu gestalten, wird dies im Extremfall de facto zum von Frau Herrmann gewünschten Verzicht führen – die Ressource wird schlicht zu teuer sein, um weiter wie bisher verwendet zu werden. All das ohne Planwirtschaft, sondern schlicht dank der Signalfunktion von Preisen auf funktionierenden Märkten.

Darüber hinaus haben Preissignale gerade von Marktpreisen einen wesentlichen Vorteil: Sie funktionieren (relativ) gut in einer unsicheren Welt. Denn die Annahmen von Frau Herrmann bezüglich der Knappheit und Relevanz verschiedener Ressourcen mögen zwar grob richtig sein – im Detail (welche Ressourcen, wann, wie relevant und knapp) sind sie aber höchst spekulativ. De facto planwirtschaftliche Eingriffe auf so unsichere Basis zu stellen erscheint mir, gelinde ausgedrückt, riskant. Damit planwirtschaftliche Systeme (wie die von Frau Herrmann gepriesene britische Kriegswirtschaft) auch nur einen Hauch einer Chance auf Erfolg haben, bedürfen sie klarer Einsichten in konkrete Bedarfe, Verfügbarkeiten etc. Das ist höchstens für kurzfristige, überschaubare Herausforderungen denkbar; für längerfristige Problemlagen – wie den geforderten Umbau der Gesellschaft hin zu Nachhaltigkeit und Klimaneutralität – ist der Ansatz schlicht unbrauchbar. Wenn man nicht genau weiß, was auf einen zukommt, sollte man starre Strategien vermeiden.

Preise hingegen signalisieren tatsächliche relative Knappheiten in Echtzeit. Natürlich müssen die betreffenden Märkte funktionieren, d. h. es gilt, Verzerrungen durch Marktmacht, Externalitäten usw. zu minimieren. Das ist auf vielen Märkten eine große Herausforderung. Sie erscheint mir dennoch geringer, als die Etablierung einer „Kriegswirtschaft“.

Denn auch hier scheint mir Frau Herrmann – wie viele andere aus der Postwachstums- und Klimaschutz-Szene – übermäßig optimistisch. Ähnlich wie vor einer Weile schon Tilman Santarius ebenfalls in den Blättern (PDF), bemüht Herrmann neben der UK- auch die zunehmend abgedroschene Pandemie-Analogie als vermeintlichen Beleg, dass umfassende staatliche Eingriffe nicht nur möglich, sondern auch noch gesellschaftlich konsensfähig seien. Das verkennt allerdings, dass es sich in beiden Fällen – britische Kriegswirtschaft sowie Pandemie-Bekämpfung – um klar als temporär wahrgenommene und kommunizierte Maßnahmen handelte. Mehr noch, gerade die COVID-19-Pandemie verdeutlicht spätestens 2022, wie schnell die „Opferbereitschaft“ in der Bevölkerung abebben kann, wenn der vermeintliche temporäre Zustand „zu lange“ dauert.

Ich stimme Frau Herrmann dennoch an einigen Stellen zu. Ja, tiefgreifende Veränderungen in den Konsummustern scheinen unvermeidlich, um Klimawandel und die anderen Umweltkrisen in den Griff zu bekommen. Ja, auch ich habe Zweifel, ob dauerhaftes Wirtschaftswachstum möglich ist. Allerdings haben wir es in beiden Fällen mit enormen Unsicherheiten zu tun – sowohl was den Wahrheitsgehalt dieser Überzeugungen anbetrifft als auch, insbesondere, ihre praktischen Konsequenzen. Daher fände ich es viel zielführender, mit solchen Instrumenten zu arbeiten, die Knappheiten „in real time“ signalisieren können (wie Preise) und daher einen flexiblen und adaptiven Umgang mit der Herausforderung erlauben. Zudem sehe ich gute Gründe für einen gewissen Umbau der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen hin zu einer Situation, in der ein Wachstumseinbruch nicht gleich zu einer Katastrophe wird. Wir sind strukturell abhängig vom Wirtschaftswachstum, und das ist ein Problem – weil wir uns zumindest nicht darauf verlassen können, dass es dieses Wachstum immer geben wird. Aber auch dieser Umbau soll eher der Resilienz der Wirtschaft und Gesellschaft für den Fall, dass das Wachstum versiegt. Gezieltes, staatlich verordnetes Schrumpfen hingegen ist eine „Therapie“, die enorm hohe Voraussetzungen hinsichtlich unseres Wissens (zentralisiert beim Staat) hat. Es kann durchaus sein, dass es zu einem Schrumpfen kommen wird und muss – aber dann lieber als emergentes Ergebnis von sich autonom entwickelnden Prozessen des komplexen Systems Gesellschaft (inkl. Wirtschaft), nicht als zentral gesteuerte Allmachtfantasie.

Ein Gedanke zu “Von Wachstumsgrenzen, Preissignalen und britischer Kriegswirtschaft

  1. Die Staatseingriffe in Corona-Zeiten haben gezeigt, dass der Staat die Komplexität wirtschaftlicher Verpflechtungen nicht überschaut. Das kleine Spezialgeschäft z.B. musste schließen, der Supermarkt mit angeschlossener Non-Food-Abteilung konnte munter weiter verkaufen. Diese Komplexität, begründet in Arbeitsteilung und Spezialisierung unterscheidet die heutige Ausgangslage weitgehend von den Zeiten britischer Kriegswirtschaft. Außerdem sind heute viel mehr Menschen in Sektoren z. B. der „Bespaßungsindustrie“ tätig, die es damals nicht gab. Sollen die dann alle wieder für Arbeiten in der Landwirtschaft eingesetzt werden? Das einzig Positive im Zusammenhang mit heutiger zentraler Verwaltungswirtschaft sind die Rechnerleistungen , die es vor 80 Jahren nicht gab.

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