Aus der Zeit gefallen: Renaturierung in Zeiten des globalen Wandels

Auf rhetorischer Ebene passiert in der EU gerade ziemlich viel im Hinblick auf den Umweltschutz. Der European Green Deal (EGD) und seine Satelliten (die Biodiversitäts-Strategie, die Farm-to-Fork-Strategie (F2F), neue Klimaziele) sind durchaus ambitioniert und betreffen alle möglichen Felder der Umweltpolitik (und, erfreulicherweise, darüber hinaus). Doch natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt – die Inkonsistenz des EGD bzw. speziell der F2F mit der anvisierten „Reform“ der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ist ein prominentes Beispiel. Im Bereich Biodiversitätsschutz setzt die Europäische Kommission hingegen sehr stark auf Renaturierung; für 2021 ist die Veröffentlichung von verbindlichen Renaturierungszielen im Rahmen der Biodiversitäts-Strategie geplant. Doch ist Renaturierung eine sinnvolle Strategie in Zeiten des globalen Wandels?

Renaturierung ist ein recht breites Konzept, unter dem man vieles verstehen kann. Der Wikipedia-Artikel zu Renaturierungsökologie unterscheidet zwischen Restauration, Restitution oder Rehabilitation als Teilstrategien/spezifischen Renaturierungsmaßnahmen, die sich unterschiedlich stark an einem ursprünglichen Zustand orientieren, den es wiederherzustellen gilt. Auch ist es bspw. recht unklar, ob Rewilding eine Unterkategorie von Renaturierung ist oder ein eigenständiger Ansatz. Was jedoch schon rein begrifflich relativ offensichtlich ist, ist das Ziel von Renaturierung: nämlich die Wiederherstellung eines früheren, inzwischen verlorengegangenen Zustands von Ökosystemen, Biotopen oder Landschaften. Die Unterschiede bestehen darin, wie der Zustand definiert wird, d. h. ob ein Ökosystem oder eine Landschaft in der Artenzusammensetzung etc. weitgehend dem verlorengegangenen „Urzustand“ (mein Begriff) entsprechen soll oder ob es sich vor allem um eine funktionale Wiederherstellung handelt, sodass das renaturierte System wieder die früheren Funktionen erbringt bzw. Ökosystemleistungen bereitstellt, ohne dass es zwangsläufig seine frühere Gestalt haben muss.

Der Kern meiner Kritik am Renaturierungs-Ansatz steht im Titel dieses Beitrags: Renaturierung als die Wiederherstellung eines verlorengegangenen Ökosystemzustands ist „aus der Zeit gefallen“ in dem Sinne, dass sie sich an einem ahistorisch definierten, vermeintlich wünschenswerten Urzustand orientiert. Doch dieser Urzustand ist bzw. war abhängig von Randbedingungen, die es in aller Regel schlicht nicht mehr gibt. Wir leben in Zeiten eines globalen Wandels, und das bedeutet, dass solche Randbedingungen wie lokales und globales Klima, Stoffflüsse (z. B. der Stickstoff- und Kohlenstoffzyklus), sogar Geomorphologie sich im konstanten Wandel befinden, der in seiner Rate auch nicht dem „natürlichen“ Wandel entspricht, mit dem Ökosysteme von sich aus gut zurechtkommen. Daraus folgt für den Renaturierungs-Ansatz einiges.

Das wiederherzustellende „Früher“ gibt es schlicht nicht mehr. Nicht nur gibt es das Ökosystem oder die Landschaft so nicht mehr, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie in ihrer früheren „Form“ existierten. Ein zunehmend auffälliges Beispiel liefern die deutschen Wälder: jahrzehntelang wurde argumentiert, dass Deutschland eine Verantwortung für den Erhalt und die Wiederherstellung der Buchenwälder hat, die früher fast die gesamte Fläche des Landes bedeckten, aber in der Zwischenzeit vielerorts durch offene Landschaften oder Fichtenreinbestände ersetzt wurden. Nun sterben diese Fichtenreinbestände, z. B. im Harz oder im Thüringer Wald, weil sie mit der Trockenheit der letzten paar Jahre nicht zurechtkommen. Die Herausforderung dabei ist, dass eine Renaturierung hier keine Lösung (mehr) ist: für Buchen waren die letzten Jahre ebenfalls zu trocken, und da davon auszugehen ist, dass verlängerte Trockenperioden in absehbarer Zukunft „the new normal“ sein werden, sind von Buchen dominierte, renaturierte Wälder keine sinnvolle Strategie. Dies betrifft auf ähnliche Weise viele andere Biotope.

Fichtensterben im Harz.

Auch funktionale Renaturierung ist alles andere als „logisch“ und einfach. Denn welche Funktionen sollen inbsesondere wiederhergestellt werden? Wir leben in Kulturlandschaften, die schon seit Jahrhunderten von Menschen nach ihren jeweiligen Bedürfnissen verändert und geprägt wurden. Doch die Bedürfnisse, die Präferenzen, die Knappheiten und Verfügbarkeit von Substituten, die uns eine Landschaft vor 50 oder 100 Jahre haben gestalten lassen, gibt es so oft nicht mehr. Damit sind auch die relevanten Funktionen der Landschaft, die von ihr bereitzustellenden Ökosystemleistungen heute andere als früher. Manche Landschaften stellen wir wieder her oder erhalten sie trotzdem in einem „archaischen“, älteren Zustand, schlicht weil wir sie aus kulturellen, ästhetischen und ähnlichen Gründen so wertschätzen (bspw. die Lüneburger Heide). Doch sollten wir nicht so tun, als ob das irgendwas mit ihrer „natürlichen“ Gestalt zu tun hätte – es sind oft stark überprägte Kulturlandschaften.

Die Ökosystemingenieure der Lüneburger Heide: Menschen und Heidschnucken.

All das soll nicht bedeuten, dass Ökosysteme und Landschaften sich in einem wünschenswerten Zustand befänden und es nichts zu tun gälte. Ganz im Gegenteil; wir haben Landschaften lange Zeit viel zu monofunktional und wenig resilient gestaltet, sind aber weiterhin auf die Bereitstellung zahlreicher Ökosystemleistungen angewiesen. In diesem Kontext von Renaturierung zu sprechen, ist jedoch nicht zielführend, denn das, was wiederherzustellen wäre, ist in vielen Fällen bereits unwiderbringlich verloren – oder würde ein Ausmaß an Interventionen ins Ökosystem erfordern, das der Grundidee der Renaturierung widerspricht. Zielführender ist es, zwei Grundprämissen zu akzeptieren: erstens, Ökosysteme und Landschaften sind dynamisch, sie haben keinen „richtigen“, „natürlichen“ Zustand, sondern befinden sich im stetigen Wandel. Zweitens, wir sind Teil dieser Ökosysteme und (Kultur-)Landschaften, die zumindest in Europa schon seit Jahrhunderten von uns geprägt sind. Das Problem ist bloß, dass wir sie gerade in den letzten 100–150 Jahren zuerst aus Ignoranz, inzwischen wider besseres Wissen so geprägt und gestaltet haben, das sie unseren eigenen Bedürfnissen und Präferenzen mittel- bis langfristig nicht gerecht werden können. Einen stabilen und resilienten Einklang mit den Letzteren gilt es wiederherzustellen, nicht irgendeinen aus der Zeit gefallenen Urzustand.

5 Gedanken zu “Aus der Zeit gefallen: Renaturierung in Zeiten des globalen Wandels

  1. Interessant darüber nachzudenken welche Funktionen z.b. Wälder zukünftig haben könnten. Eine wäre eine Versorgung eines stark ausgebauten Holzbaus für klimaneutrale oder wie es so schön heißt „klimapositive“ Gebäude, wie es die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen nennt: https://www.dgnb.de/de/themen/klimapositiv/ausgezeichnete-projekte/index.php

    Zum Holzbau als CO2-Senken: https://bio-kultur.org/2021/01/10/massive-mehrgeschossige-holzgebaude-als-co2-senken/

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    • Genau. Ich habe das Gefühl, dass wir beim Umweltschutz im Landnutzungskontext zu häufig an ein romantisiertes „Früher“ denken, anstatt über nachhaltige Möglichkeiten der Landnutzung nachzudenken, die unseren heutigen gesellschaftlichen Bedarfen und den Randbedingungen entsprechen.

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  2. Besonders wichtig finde ich hier das Thema Wald: Unsere Wälder sind definitiv weit von ihrer Urform entfernt und könnten in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung (wobei hier „ursprünglich“ noch zu definieren wäre) dem Klimawandel nicht standhalten. Verantwortungsvoll bewirtschaftete Wälder speichern große Mengen CO2 und liefern umweltverträgliche Materialien, denn durch Holz lassen sich an vielen Stellen Kunststoffe ersetzen. Außerdem brauchen wir Deutschen so viel Holz, dass wir es importieren müssen – aber sollen wir in anderen Ländern (Regen-)Wälder abholzen lassen, um unseren eigenen Holzverbrauch zu decken? Die beste Lösung aus meiner Sicht: Aufforsten bis zum Gehtnichtmehr und dann verantwortungsvoll bewirtschaften.

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    • Bis auf den letzten Satz kann ich zustimmen. Weitere Aufforstung sehe ich aber als problematisch, denn welche Flächen sollen hierfür geopfert werden? Grünland ist naturschutztechnisch sehr wertvoll (wenn extensiv bewirtschaftet) und kann u. U. auch relativ viel CO2 speichern. Ackerland ist jetzt schon knapp (durch Aufforstung und Flächenverbrauch für Siedlungen und Infrastruktur); weitere Verknappung würde den Intensivierungsdruck in der Landwirtschaft sowie die Verlagerung der Produktion ins Ausland (u. U.: Abholzung von Wäldern anderswo, um Ackerfläche zu gewinnen) bewirken. Damit wäre nicht viel gewonnen, und die indirekten Landnutzungsveränderungen könnten gar zu Verschlimmerung der Lage führen (siehe hier). Was wir brauchen, ist wohl nachhaltige Intensivierung (sofern möglich, insb. durch Optimierung dessen, was wo wofür genutzt wird) sowie Veränderungen in der Nachfrage, die Flächen „frei geben“ – von Reduktion des Fleischkonsums über Kaskadennutzung von Holz und anderen Materialien bis hin zu Aufhaltung des insb. städtischen Flächenverbrauchs. Ob das alles reicht, weiß ich nicht, zumal wir immer mehr Materialien durch Holz substituieren wollen (Stichwort Bioökonomie)… Aber einfach nur Aufforsten greift definitiv zu kurz.

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  3. Stimmt völlig. Ich würde nie dafür plädieren, in Deutschland Ackerland oder Grünland umzuwandeln. Beim Bäumepflanzen geht es in Deutschland hauptsächlich um kleine und kleinste Flächen oft in Siedlungsnähe, die aber insgesamt gewaltiges Potenzial haben. Und völlig richtig: Weniger Fleischkonsum sowie Kaskadennutzung sind unverzichtbar. Wir müssen auf jeder Stufe ansetzen, um etwas Spürbares zu erreichen!

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